Außerschulische Bildung 2/2025

Digitale Metamorphosen des Rechtsterrorismus

Vorläufer, Gemeinschaft und Konzepte

Die Digitalisierung hat den Modus rechtsterroristischer Gewalt grundlegend verändert. So hat der Angebotscharakter bestimmter Kommunikationsräume eine eigenständige digitale Kultur des Rechtsterrorismus hervorgebracht, ohne deren Eigenlogiken und gruppendynamischen Prozesse dieses Phänomen nicht mehr zu begreifen ist. Sowohl Unterlegenheitsgefühle als auch damit einhergehende Allmachtsphantasien meist junger Männer werden online geteilt und schaffen ein Umfeld, in dem Radikalisierung nicht mehr ausschließlich strikt ideologisch bedingt ist. Die Herausforderungen, die mit dieser neuen Dimension des Rechtsterrorismus einhergehen, spielen auch in der Begriffsdebatte eine zentrale Rolle. von Wyn Brodersen

Am 15. März 2019 griff Brenton T. in Christchurch zwei Moscheen an und tötete 51 Menschen und verletzte fast ebenso viele, zum Teil schwer. Seine Tat kündigte er zuvor in einem Internetforum – einem sogenannten Imageboard – an und übertrug sie mittels Helmkamera und Facebook-Livestream ins Internet. Der Fall verdeutlicht nicht nur, dass digitale Kommunikation die Verbreitung rechtsterroristischer Inhalte erweitert, sondern auch, dass die Digitalisierung eine neue, kulturell geprägte Art der Radikalisierung erst ermöglicht. Exemplarisch für die damit einhergehende Kommunikation steht eine Szene, die sich am Folgetag ereignete, als der Attentäter dem Gericht vorgeführt wurde. Dort präsentierte er mit gefesselten Händen das OK-Zeichen. Gemeinhin wird damit symbolisiert, dass alles in Ordnung sei. Eine Kampagne auf einem verwandten Imageboard versuchte jedoch, die Geste zur rechtsextremen Symbolik umzudeuten. Eine vorgeblich lustige Aktion, die laut eigener Aussage angetreten war, um empörte Gegenreaktion zu ernten. Es liegt nahe, dass der Attentäter mit diesem Handzeichen nicht nur seine Überzeugungen in verschlüsselter Form vor einem großen Publikum erneut zur Schau stellen wollte. Vielmehr gab er damit unmittelbar Auskunft über seinen Radikalisierungshintergrund und den anderen Usern der Boards zu verstehen, dass er einer von ihnen sei. Diese griffen die Geste auf und kreierten daraus Memes, die den Täter zum Helden stilisierten und andere potenziell zur Nachahmung motivieren sollten – ein Kreislauf, in dem die Grenzen zwischen online und offline zunehmend verwischen.

Bereits eine Woche später kam es in den USA zu einem Brandanschlag auf eine Moschee, der deutliche Verbindungen zu der Tat in Christchurch aufwies. Der mutmaßliche und damals 19-jährige Brandstifter John E. wurde zu dem Zeitpunkt nicht gefasst und verübte etwa einen Monat später am letzten Tag des Pessach einen Anschlag auf eine Synagoge im kalifornischen Poway, bei dem er eine Frau ermordete und drei weitere Menschen verletzte. Diese rechtsterroristischen Anschläge mit deutlichen Bezügen zur digitalen Kultur reihen sich ein in eine blutige Serie, die ihre Spuren unter anderem in Oslo und Utøya (2011), Pittsburgh (2018), Christchurch (2019), Poway (2019), El Paso (2019), Bærum (2019), Halle (2019), Buffalo (2022), Bratislava (2022), Jacksonville (2023) und zuletzt in Nashville (2025) hinterlassen hat.

In diesem Artikel wird zunächst skizziert, welche Aktionsformen dem digital konditionierten Rechtsterrorismus vorausgingen. Anschließend wird ein besonderes Augenmerk auf die digitale Dimension samt ihren technischen, kulturellen und gruppendynamischen Charakteristika gelegt. Abschließend wird ein kritischer Ausblick auf die wesentlichen Konzepte gegeben, die in diesem Kontext Anwendung finden. Anknüpfend an die Arbeiten von Albrecht und Fielitz (2019) und Fürstenberg (2024) wird die These verfolgt, dass die Digitalisierung eine kulturelle Transformation des Rechtsterrorismus bewirkt hat, deren Verständnis für die Einordnung der jüngsten rechtsterroristischen Anschläge unerlässlich ist.

Blaupausen des digitalen Rechtsterrors

Sowohl die lange Vernachlässigung rechtsextremer Formen des Terrorismus in der Terrorismus- und Sicherheitsforschung als auch die Herausforderung, den Gegenstandsbereich trennscharf von anderen Formen rechtsextremer Gewalt abzugrenzen (vgl. Köhler 2016, S. 89 f.), haben dazu geführt, dass sich in der Forschung bis heute keine weitgehend konsensfähige Definition von Rechtsterrorismus etablieren konnte. Gerade in sicherheitsrelevanten Bereichen können mögliche Leerstellen und verengte Sichtweisen weitreichende Folgen haben, die bereits mehrfach zu Fehleinschätzungen terroristischer Gewalt geführt haben. Besonders deutlich wurde dieses Problem im Zuge der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im Jahr 2011. Während Behörden von organisierter Bandenkriminalität ausgingen, wurden die Taten sowohl in Teilen der organisierten Neonazi-Szene als auch im Umfeld der Betroffenen als rassistisch beziehungsweise politisch motiviert verstanden (vgl. Botsch 2019, S. 9).

Foto: AdB

Auch der Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum in München (2016) löste eine Debatte über die Motive des Täters aus. Der 18-jährige Deutsch-Iraner David S. ermordete insgesamt neun Menschen. Alle Opfer hatten eine Migrationsbiografie und viele von ihnen waren minderjährig. Obwohl die rechtsextreme Einstellung des Täters den Behörden bekannt war, stuften sie die Tat als nicht politisch motivierten Amoklauf ein. Sie gewichteten Mobbingerfahrungen und die damit verbundenen Rachegelüste sowie die psychische Vorerkrankung des Täters höher als seine ideologische Weltanschauung (vgl. Hartleb 2020, S. 16). Es dauerte drei Jahre, bis die Tat als politisch motiviert beurteilt wurde. Ausschlaggebend waren neben den sozialwissenschaftlichen Einordnungen die bekannt gewordenen Online-Aktivitäten des Täters. Dieser wählte nicht nur den fünften Jahrestag der rechtsterroristischen Anschläge von Oslo und Utøya, sondern tat auch seine Bewunderung für den Täter Anders B. auf der Gaming-Plattform Steam kund (vgl. Quent 2017, S. 82 f.). Lange wurde die digitale Dimension des Rechtsterrorismus übersehen, obwohl sie maßgeblich zur Aufklärung der Motive hätte beitragen können und die digitalen Verbindungen zwischen den einzelnen Taten ein nahezu lückenloses Netz ergeben. So beging auch William A., eine Chatbekanntschaft von David S., 2017 zwei rassistische Morde in New Mexico (vgl. Fielitz et al. 2022, S. 141). Und auch Brenton T. stand mit dem Münchner Attentat in Verbindung, da auch er Mitglied einer Steam-Gruppe war, die sich nach David S. benannte. Dort kündigte Brenton T. bereits Monate vor seiner Tat ähnliche Pläne an (vgl. Kaiser 2020, S. 23).

Sowohl die lange Vernachlässigung rechtsextremer Formen des Terrorismus in der Terrorismus- und Sicherheitsforschung als auch die Herausforderung, den Gegenstandsbereich trennscharf von anderen Formen rechtsextremer Gewalt abzugrenzen, haben dazu geführt, dass sich in der Forschung bis heute keine weitgehend konsensfähige Definition von Rechtsterrorismus etablieren konnte.

Die zentrale Blaupause für diese Terrorform ist das Vorgehen des bereits erwähnten norwegischen Rechtsterrorists Anders B. Dieser deponierte im Sommer 2011 einen mit Sprengstoff beladenen Kleintransporter im Osloer Regierungsviertel und betrat wenig später, verkleidet als Polizist und unter dem Vorwand, das alljährlich stattfindende Sommerzeltlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet schützen zu wollen, die Insel Utøya. Dort angekommen erschoss er 67 Menschen, darunter in erster Linie Jugendliche. Neu an seiner Form des Terrors war, dass das Internet sowohl bei der Radikalisierung als auch bei der Durchführung der Tat erstmals eine zentrale Rolle spielte. Seine Ideologie entlehnte er rechtsextremen Blogs (vgl. Quent 2022, S. 184), auf denen er sein Pamphlet Eine mehr als 1.500 Seiten umfassende Anhäufung bereits veröffentlichter rassistischer und nationalistischer Artikel, Tagebucheinträge und persönlicher Fotos. rund zwei Jahre vor dem Doppelanschlag veröffentlichte (vgl. Sieber 2020, S. 53). Am Tag der Tat veröffentlichte er auf YouTube ein etwa zwölfminütiges Propagandavideo und hatte ursprünglich geplant, im Livestream die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin zu enthaupten. Diese hatte allerdings bei der Ankunft des Täters die Insel bereits verlassen und ihm fehlte das passende Mobiltelefon für die Online-Übertragung. Sein Pamphlet sendete er an 8.109 E-Mail-Adressen, die er über Monate hinweg via Facebook sammelte. Allerdings konnten aufgrund eines Spamfilters, weniger als tausend Mails verschickt werden (Hartleb 2020, S. 83).

Diese Fälle zeigen, wie zentral das Internet für die Radikalisierung und Vernetzung von Rechtsterroristen ist. Es wäre verfrüht, hier bereits von einer kulturellen Dimension des Rechtsterrorismus zu sprechen. Dennoch hat das Bedürfnis von Anders B., seine Taten öffentlich zu inszenieren, den Weg für eine interaktive und kulturelle Form des Terrors geebnet.

Radikalisierung im digitalen Kontext

Die Architektur und Aufmerksamkeitsökonomie digitaler Kommunikationsräume kann die Verbreitung rechtsextremer Inhalte begünstigen (vgl. Fielitz/Marcks 2020, S. 12, 85). Es ist daher davon auszugehen, dass bei der Radikalisierung von Individuen On- und Offline-Dimension ineinandergreifen (vgl. Neumann et al. 2018, S. 10 ff.). Da die meisten Täter der jüngsten rechtsterroristischen Anschläge den Sicherheitsbehörden im Vorfeld nicht bekannt waren und auch keiner einschlägigen Gruppierung angehörten, wurde in diesem Zusammenhang insbesondere die digitale Dimension thematisiert. Hinsichtlich der Radikalisierung über das Internet sind in der breiten Öffentlichkeit jedoch pauschale, technische Erklärungsansätze verbreitet, die häufig monokausal als Ursache für Radikalisierungsverläufe betrachtet werden. Diese lassen sich in der empirischen Forschung so allerdings nicht nachweisen und werden kritisch diskutiert (vgl. Zuiderveen Borgesius et al. 2016). Angesichts der genannten Anschläge ist vielmehr eine differenzierte Betrachtung notwendig, die die Radikalisierungsdynamiken im Kontext der technischen Ausgestaltung und des Angebotscharakters der Plattformen analysiert, auf denen die Täter aktiv waren, ihre Taten angekündigten und Bekennerschreiben veröffentlichten.

Imageboards Während auf manchen dieser Boards auch andere, breit gestreute Inhalte diskutiert werden, stechen vor allem die Unterforen /pol/ (political incorrect) durch eine rechtsextreme Ideologie besonders heraus. wie 4chan, 8chan, 8kun oder Meguca spielten bei vielen Attentaten eine prägende Rolle. Zudem wird der Messenger-Dienst Telegram zunehmend als Kommunikationsplattform des rechtsterroristischen Milieus genutzt. Gemeinsam ist diesen Plattformen, dass sie sich an den Rändern des Internets, dem sogenannten Fringe, befinden. Diese Plattformen verzichten oft auf komplexe Mechanismen, wie etwa algorithmische Kuratierung. Im Falle der Imageboards findet die Kommunikation sogar fast ausschließlich anonym statt. Schulze et al. (2022) geben einen systematischen Überblick auf das Radikalisierungspotenzial verschiedener Plattformaffordanzen. Auffällig ist, dass gerade auf diesen Plattformen Anonymität, Gruppenidentität und eine spezifische Dialogkultur als zentrale Merkmale identifiziert wurden. Diese Eigenschaften zusammengenommen schaffen eine Situation ständiger Kommunikation untereinander, in der das Individuum eine untergeordnete Rolle spielt, Enthemmung begünstigt wird und ein Gruppengefühl durch starke Abgrenzung nach außen entstehen kann (vgl. Schulze et al. 2022, S. 322 ff.).

Viele dieser Plattformen sind bewusst so gestaltet, dass Strafverfolgung und Moderation erschwert werden. Auf den Imageboards ist eine Überwachung ohnehin nur unter erschwerten Bedingungen möglich, da nur eine begrenzte Anzahl von Gesprächsfäden (Threads) einsehbar ist und auf eine dauerhafte Archivierung verzichtet wird (vgl. Bernstein et al. 2011). Dieses Feature geht mit einer schwer zugänglichen Kultur aus verschlüsselter Sprache, Memes und Beschimpfungen einher. Wie eng die Verbindung zwischen dieser Kultur und Terror ist, zeigt sich in vielen Bezügen, hier exemplarisch anhand eines Selfies des Attentäters von Halle (2019) illustriert. Der damals 27-jährige Stephan B. versuchte dort an Jom Kippur, eine Synagoge zu stürmen und mit selbstgebauten Waffen ein Blutbad anzurichten. Auf dem Selfie trägt er eine Mütze, an der ein unscheinbarer Button befestigt ist. Er zeigt den Moon-Man, ursprünglich eine McDonald‘s-Werbefigur, die auf 4chan mit rassistischen Witzen konnotiert wurde. Auch John E. rekurriert auf diese Figur und benennt sie als Maskottchen. Für Uneingeweihte eine zynische Referenz, die kaum zu verstehen ist.

Das Selfie deutet aber auch auf das Selbstbild des Täters hin, so ist die Datei mit „the face of a neet“ benannt. Das Akronym NEET steht für „Not in Education, Employment or Training” und zielt auf das Selbstbild eines abgehängten jungen Mannes ab (vgl. Erb 2020, S. 35). Neben zynischer Rhetorik und dem voyeuristischen Umgang mit Gewalt stehen auf diesen Boards auch persönliche Erfahrungen von Ausgrenzung und Frustration im Mittelpunkt. Die Erfahrungen aus dem realen Leben werden von der digitalen Gemeinschaft geteilt und können als Faktor für Radikalisierungsprozesse betrachtet werden (vgl. Walther/Isemann 2022, S. 400 ff.). Da die Gemeinschaft Identifikationsmöglichkeiten für eigene Insuffizienzgefühle bietet, sollten rechtsextreme Foren daher auch als „emotionale Zufluchtsorte“ (Törnberg/Törnberg 2023, S. 133) verstanden werden. Für die ideologische Anschlussfähigkeit spielen auch die hier artikulierten Marginalisierungsgefühle und Kränkungen eine zentrale Rolle. So werden andere, meist sozial Schwächere, projektiv für den eigenen Misserfolg verantwortlich gemacht und zur zentralen Bedrohung stilisiert. Minderwertigkeitsgefühle und Überlegenheitsphantasien verhalten sich im Rechtsextremismus häufig komplementär zueinander (vgl. Fielitz/Marcks 2020, S. 44 f.). Sowohl Brenton T. als auch Patrick C., der bei einem Anschlag auf einen Supermarkt in El Paso (2019) 22 Menschen ermordete, wähnten sich im identitätspolitischen Befreiungskampf einer vermeintlich unterdrückten weißen Minderheit. Die gegenseitige Bestätigung in der digitalen Gemeinschaft leistet Überzeugungsarbeit für ein nihilistisches Weltbild und rechtsterroristische Gewalt bietet einen Ausweg, der Anerkennung und Heldentum verspricht.

Digitale Plattformen fungieren nicht nur als Verbreitungsorte menschenfeindlicher Ideologien, sondern auch als eigenständige digitale Sozialisationsräume.

Bei näherer Betrachtung ist jedoch auffällig, dass eine größere ideologische Varianz auszumachen ist und sich die Überzeugungen der Täter oft weniger ähneln als die Nachahmungen beim Tathergang. Zwar beziehen sich viele von ihnen explizit auf die Verschwörungserzählung des „Großen Austauschs“, die behauptet, Migration diene der schrittweisen Verdrängung der weißen, autochthonen Bevölkerung. Doch diese Erzählung fungiert eher als übergreifender Rahmen, der verschiedene Ressentiments zusammenführt, ohne dass eine kohärente Ideologie vorliege (vgl. Nilsson 2022, S. 222 f.). So finden sich in den Schriften der Täter zahlreiche Widersprüche: Anders B. übernahm große Teile seines Textes vom Unabomber (Theodore K.), ein Anarcho-Primitivist, während Brenton T. und Stephan B. sich im Punkt des Antisemitismus uneinig sind. Diese Inkonsistenz verdeutlicht Klaus Theweleits Einschätzung: „Das Ideologische ist draufgeklebt.” (Theweleit 2019, S. 99) Es klebt auf einer digitalen Kultur, aus der Täter hervorgehen, die einander nacheifern und sich über mediale Aufmerksamkeit gegenseitig bestärken.

Begriffliche Einordnung

Der Modus Operandi dieser Form des Rechtsterrorismus wirft auch zentrale Fragen für die Begriffsdebatte auf. Im Zusammenhang mit indirekten Gewaltaufrufen wird beispielsweise das Konzept des stochastischen Terrorismus verhandelt. Es stellt die Online-Dimension der Radikalisierung in den Vordergrund und hebt darauf ab, dass in einer gewalttätigen Massenkultur gewalttätige Handlungen wahrscheinlich würden. Es besagt weiter, die Intention des Absenders müsse nicht unmittelbar zur Gewalt aufrufen, entscheidend sei allein, dass daraus Handlungsnotwendigkeit abgeleitet werde. Der Schritt zur Tat sei zwar nicht individuell, aber statistisch durchaus vorhersehbar (vgl. Hamm/Spaaij 2017, S. 84). Da die Äußerungen keine unmittelbare Verbindung zur Tat haben und nur vage Handlungsimpulse liefern, bleibt die Frage nach Vorsatz und moralischer Verantwortung ungeklärt (vgl. Angove 2024, S. 23). In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass das Konzept vor allem entstanden ist, um der Dezentralisierung und zunehmenden Auflösung fester Strukturen im Terrorismus Rechnung zu tragen und die Reichweite digitaler Kommunikation und Gruppendynamiken einzubeziehen. Es beschreibt somit das Kalkül terroristischer Gewalt und keine direkte Kausalität (vgl. Fielitz et al. 2022, S.133 f.).

Demonstration am 17. Februar 2023 „Hanau gedenken“ Foto: Marcin Wierzchowski

Besonders viel Aufmerksamkeit wurde der begrifflichen Einordnung des Tätertyps als Lone Actor beziehungsweise Lone Wolf zuteil. Letzterer wird in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung besonders problematisiert, weil sich in Neonazi-Kreisen affirmativ auf ihn bezogen wird und er als vorbelastet gilt (vgl. Berntzen/Bjørgo 2021, S. 134). Der Tätertypus des Lone Actor wird dadurch definiert, dass er autonom handelt, keiner Organisation oder keinem Netzwerk angehört, sein Vorgehen selbst konzipiert, dabei nicht angeleitet wird und sich in keiner Hierarchie befindet (vgl. Spaaij 2010, S. 856). Aber auch dieses Konzept ist nicht unumstritten, da in der Diskussion häufig Vorgehen und Radikalisierungskontext verschwimmen (vgl. Walther/Isemann 2022, S. 399 f.). Während einerseits der Fokus auf die ausführenden Personen gelegt wird (vgl. Pfahl-Traughber 2022, S. 225), wird andererseits betont, dass häufig lose Verbindungen in den organisierten Rechtsextremismus bestehen und das Milieu einen erheblichen Einfluss auf den Wissens- und Ideologietransfer hat (vgl. Castelli Gattinara et al. 2018, S. 137 f.) – Aspekte, die sich nicht widersprechen, aber als Widersprüche behandelt werden.

Ein Ordnungsversuch, der von dieser Diskussion profitiert und insbesondere auf die ideologische und kulturelle Ebene abstellt, ist der des militanten Akzelerationismus. Er leitet sich von Acceleration (Beschleunigung) ab und beschreibt die teleologische Überzeugung im rechtsterroristischen Milieu, dass ein Bürger- oder Rassenkrieg unvermeidlich sei. Rechtsextreme Attentäter betrachten Gewalt als Mittel, um diesen Prozess zu beschleunigen. Doch auch dieser Begriff kommt nicht ohne Tücken daher, da seine theoretische Tradition nicht allein dem Rechtsextremismus vorbehalten ist. Sie geht ursprünglich auf eine poststrukturalistisch geprägte Rezeption des Marxschen Frühwerks zurück, in der das Kapitalverhältnis als „immanentes System“ (Deleuze 1993, S. 246) beschrieben wird, das sich zunehmend seiner eigenen Existenzgrundlage – der menschlichen Arbeitskraft – entledige. Anknüpfend an diese Vorstellung eines sich selbst auflösenden Kapitalismus, dessen Widersprüche es nur zu beschleunigen gelte, formierte sich insbesondere in Großbritannien in den 1990er Jahren die Denkschule des Akzelerationismus. In deren Zentrum stand der Mitbegründer Nick Land, der schon früh wegen seiner drastischen inhumanen Lesart vom linken Flügel der Bewegung kritisiert wurde (vgl. Fisher 2014, S. 345), später in offen eugenische Argumentationsmuster abdriftete und dem Akzelerationismus den Rücken kehrte (vgl. Land 2013). Auch wenn es Anzeichen dafür gibt, dass die Ideen von Land und seinen Mitstreitern unter dem neuen Label des Neoreaktionismus in Kreisen der US-amerikanischen Alt-Right (vgl. Hille 2023, S. 121) und im anarchokapitalistischen Unternehmertum des Silicon Valley (vgl. Schnelle 2025) Anklang finden, ist fraglich, ob sie die rechtsterroristische Szene direkt beeinflussen.

Differenzierte Teile der Literatur legen hingegen nahe, dass dieser Einfluss auf den rechtsextremen Newsletter Siege des US-amerikanischen Neonazis und Mitbegründers der Atomwaffen Division James Mason zurückgeht. Die aus den 1980er Jahren stammenden Texte wurden ab 2015 über das Neonazi-Forum Iron March zugänglich gemacht und fanden später auch auf den hier bereits besprochenen Imagesboards Anklang (vgl. Fürstenberg 2024, S. 170 f.; Fielitz/Albrecht 2023, S. 423). Mason bezieht sich allerdings nicht auf einen dem Kapitalverhältnis inhärenten Widerspruch, sondern argumentiert aus einer zutiefst rassistischen und antisemitischen Überzeugung, die Gewalttaten zum Zweck einer nationalsozialistischen Herrschaft begrüßt (vgl. Dittrich/Rathje 2022, S. 14). Doch obwohl das Konzept des militanten Akzelerationismus Gefahr läuft, diese beiden Aspekte zu vermischen und damit einerseits die zuvor beschriebene Theorieströmung auf ihre rechtsextremen Auswüchse zu reduzieren und andererseits riskiert, rassistischen und antisemitischen Verschwörungsmythen eine theoretische Tiefe zu attestieren, wo diese nicht vorliegt, sprechen triftige Argumente für diese Konzeptionalisierung. Bislang bietet einzig das Konzept des militanten Akzelerationismus einen Rahmen, der spezifisch rechtsextreme Aspekte adressiert und darüber hinaus die digitale Verbreitung der Ideologie sowie strategische Muster und eine kollektive und kulturelle Dimension des Terrors in einem umfassenden Modell erfasst. Forschung, Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftlichem Engagement wird so ein einheitlicher Bezugsrahmen zur Verfügung gestellt, der für die Bekämpfung und Prävention unabdingbar ist.

Fazit

Die besprochenen Anschläge haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass rechtsterroristische Gewalt ein transnationales Phänomen ist und dass sie eine dezidiert digitale Dimension aufweist. Digitale Plattformen fungieren in diesem Zusammenhang nicht nur als Verbreitungsorte menschenfeindlicher Ideologien, sondern auch als eigenständige digitale Sozialisationsräume. Anonyme Gruppenstrukturen und eine schnelle many-to-many Dialogkultur fördern kollektive Identitätsbildungen, senken individuelle Hemmschwellen und ebnen Radikalisierungsverläufen den Weg. Kulturelle Praktiken wie ausgeprägter Slang und symbolische Codes stärken den Zusammenhalt nach innen, produzieren Ausgrenzung nach außen und verschleiern zudem rechtsextreme Motive.

Kulturelle Praktiken wie ausgeprägter Slang und symbolische Codes stärken den Zusammenhalt nach innen, produzieren Ausgrenzung nach außen und verschleiern zudem rechtsextreme Motive.

Die einfache Vorstellung einer vermeintlichen Selbstradikalisierung über das Internet lässt diese partizipative und soziale Komponente meist außer Acht. Wesentlich für diese digital-kulturelle Dimension des Rechtsterrors ist, dass er seinen Anhängern einen potenziellen Ausweg aus der eigenen Unzulänglichkeit aufzeigt. Insbesondere die öffentliche Inszenierung der Anschläge und das damit verbundene Streben nach medialer Aufmerksamkeit unterscheidet die genannten Anschläge von vielen der analogen Vorgänger, die das Rampenlicht ganz bewusst mieden. Bestehende Konzepte wie das des Lone Actors oder des stochastischen Terrorismus greifen diese Dimension nur bedingt auf. Sie verdeutlichen zwar, dass die Täter autonom handeln und dennoch in einem größeren Gruppenkontext zu verorten sind, lassen aber strategische Spezifika vermissen. Demgegenüber verdeutlicht insbesondere der Begriff des militanten Akzelerationismus eine primär auf Propaganda ausgerichtete Strategie. Terroranschläge dienen hier nicht ausschließlich einem bestimmten ideologischen Ziel, sondern der Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte, die weitere Anschläge begünstigen sollen. Ein differenzierter Umgang mit dieser „anspruchslose(n) Strategie“ (Fürstenberg 2023, S. 96) ist jedoch ratsam, verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff doch gerade keine theoretische Tiefe, sondern lediglich ein kultureller Rahmen, in dem sich Rechtsterroristen über eine identitätsstiftende Praxis gegenseitig als Schablone dienen. Für die Praxis hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. So erschweren die digitalen Entwicklungen nicht nur die präventive Bekämpfung rechtsterroristischer Gewalt, sondern auch die Strafverfolgung, da sie die klassischen Vorstellungen von organisiertem Terrorismus unterlaufen. Dabei ist es notwendig, sowohl die digitalen Dynamiken als auch die kulturellen Anreize dieser Form des Terrorismus zu verstehen, um wirksame Gegenmaßnahmen entwickeln zu können.

Zum Autor

Wyn Brodersen arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena. In seiner Arbeit untersucht er den Einfluss digitaler Interaktionsdynamiken auf rechtsextreme Radikalisierungsprozesse. Seine Forschungsschwerpunkte sind Netzkultur, Rechtsterrorismus und deren Überschneidungen. Wyn Brodersen hat Soziologie und Geschichte an der Universität Hamburg studiert.
wyn.brodersen@idz-jena.de

Literatur

Albrecht, Stephen/Maik Fielitz (2019): Rechtsterrorismus im digitalen Zeitalter. In: Wissen Schaft Demokratie, 6, S. 176–87
Angove, James (2024): Stochastic terrorism: critical reflections on an emerging concept. In: Critical Studies on Terrorism, 17(1), pp. 21–43
Bernstein, Michael/Monroy-Hernández, Andrés/Harry, Drew/André, Paul/Panovich, Katrina/Vargas, Greg (2011): 4chan and /b/: An Analysis of Anonymity and Ephemerality in a Large Online Community. In: Proceedings of the International AAAI Conference on Web and Social Media, 5(1), pp. 50–57
Berntzen, Lars Erik/Bjørgo, Tore (2021): The Term ‚Lone Wolf’ and its Alternatives: Patterns in Public and Academic Use from 2000 to 2020. In: Perspectives on Terrorism, 15(3), pp. 132–141
Botsch, Gideon (2019): Was ist Rechtsterrorismus? In: ApuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, 69(49–50), S. 9–14
Castelli Gattinara, Pietro/O’Connor, Francis/Lindekilde, Lasse (2018): Italy, No Country for Acting Alone? Lone Actor Radicalisation in the Neo-Fascist Milieu. In: Perspectives on Terrorism, 12(6), pp. 136–149
Deleuze, Gilles (1993): Unterhandlungen. 1972–1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Dittrich, Miro/Rathje, Jan (2022): Militanter Akzelerationismus Ursprung und Aktivität in Deutschland. Berlin: CeMAS; https://cemas.io/publikationen/militanter-akzelerationismus/CeMAS_Militanter_Akzelerationismus_Ursprung_und_Aktivit%C3%A4t_in_Deutschland.pdf (Zugriff: 08.03.2024)
Erb, Sebastian (2020): Das Netz des Attentäters. Der Anschlag von Stephan Balliet in Halle und wie sein Video und „Manifest“ im Internet verbreitet wurden. In: Baeck, Jan-Philipp/Speit, Andreas (Hrsg.): Rechte Ego-Shooter. Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 26–45
Fielitz, Maik/Albrecht, Stephen (2023): IronMarch: Die digitale Schmiede des internationalen Rechtsterrorismus. In: Coester, Marc/Daun, Anna/Hartleb, Florian/Kopke, Christoph/Leuschner, Vincenz (Hrsg.): Rechter Terrorismus: international – digital – analog. Wiesbaden: Springer, S. 411–37
Fielitz, Maik/Marcks, Holger (2020): Digitaler Faschismus: die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Berlin: Dudenverlag
Fielitz, Maik/Schwarz, Karolin/Quent, Matthias (2022): Die digitale Subkultur des Rechtsterrorismus. In: Jost, Jannis/Krause, Joachim (Hrsg.): 2019–2021: Jahrbuch Terrorismus. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich, S. 127–148
Fisher, Mark: (2014): Terminator vs Avatar. In: Mackay, Robin/Avanessian, Armen (Eds.): #ACCELEARTE#. Falmouth: Urbanomic, pp. 335–346
Fürstenberg, Michel (2023): Der neue Terror von rechts: Eine fünfte Welle des Terrorismus? In: Coester, Marc/Daun, Anna/Hartleb, Florian/Kopke, Christoph/Leuschner, Vincenz (Hrsg.): Rechter Terrorismus: international – digital – analog. Wiesbaden: Springer, S. 77–99
Fürstenberg, Michael (2024): Decentralized Collective Learning: Militant Accelerationism as a Community of Practice. In: Görzig, Carolin/Fürstenberg, Michael/Köhler, Florian/Alsoos, Imad (Eds.): How Terrorists Learn: Organizational Learning and Beyond. New York: Routledge, pp. 160–181
Hamm, Mark S./Spaaij, Ramón (2017): The Age of Lone Wolf Terrorism. New York: Columbia University Press
Hartleb, Florian (2020): Lone Wolves: The New Terrorism of Right-Wing Single Actors. Cham: Springer
Hille, Laura (2023): Der dunkle Transhumanismus. In: Hille, Laura/Wentz, Daniela (Hrsg.): Kritik postdigital. Lüneburg: meson press, S. 117–135
Kaiser, Susanne (2020): Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. Berlin: Suhrkamp
Köhler, Daniel (2016): Right-Wing Extremism and Terrorism in Europe. In: PRISM, 6(2), pp. 84–105
Land, Nick (2013): Re-Accelerationism. Xenosystems; https://web.archive.org/web/20170719223141/http://www.xenosystems.net/re-accelerationism/#more-1663 (Zugriff: 08.03.2025)
Neumann, Peter R./Winter, Charlie/Meleagrou-Hitchens, Alexander/Ranstorp, Magnus/Vidino, Lorenzo (2018): Die Rolle des Internets und sozialer Medien für Radikalisierung und Deradikalisierung. PRIF Report 10. Frankfurt am Main: Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK); www.prif.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Prif_Reports/2018/prif1018.pdf (Zugriff: 08.03.2025)
Nilsson, Per-Erik (2022): Manifestos of White Nationalist Ethno-Soldiers. In: Critical Research on Religion, 10(2), pp. 221–235
Pfahl-Traughber, Armin (2022): Lone-Actor-Terrorismus. In: Rothenberger, Liane/Krause, Joachim/Jost, Jannis/Frankenthal, Kira (Hrsg.): Terrorismusforschung: interdisziplinäres Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden: Nomos, S. 223–230
Quent, Matthias (2017): Rassistischer Hass – das OEZ-Attentat in München. In: Wissen Schaft Demokratie, 2, S. 74–87
Quent, Matthias (2022): Rechtsterrorismus. In: Rothenberger, Liane/Krause, Joachim/Jost, Jannis/Frankenthal, Kira (Hrsg.): Terrorismusforschung: interdisziplinäres Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden: Nomos, S. 179–186
Schnelle, Sebastian (2025): Die Neoreaktion – Tech-Bros und ihre Ideologie. Humanistischer Pressedienst; https://hpd.de/artikel/neoreaktion-tech-bros-und-ihre-ideologie-22838 (Zugriff: 08.03.2025)
Schulze, Heidi/Hohner, Julian/Rieger, Diana (2022): Soziale Medien und Radikalisierung. In: Rothenberger, Liane/Krause, Joachim/Jost, Jannis/Frankenthal, Kira (Hrsg.): Terrorismusforschung: interdisziplinäres Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden: Nomos, S. 319–330
Sieber, Roland (2020): Terror als Spiel. Virtuell vernetzter Rechtsterrorismus rund um den Globus. In: Baeck, Jan-Philipp/Speit, Andreas (Hrsg.): Rechte Ego-Shooter. Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat. Bonn: bpb, S. 46–67
Spaaij, Ramón (2010): The Enigma of Lone Wolf Terrorism: An Assessment. In: Studies in Conflict & Terrorism, (33)9, pp. 854–70
Theweleit, Klaus (2019): Der Wille zum Töten. Von maskuliner Gewalt zum Rechtsterrorismus. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 12, S. 97–102
Törnberg, Anton/Törnberg, Petter (2023): White Supremacists Anonymous: How Digital Media Emotionally Energize Far-Right Movements. In: Journal of Information Technology & Politics, (22)1, pp. 131–48
Walther, Eva/Isemann, Simon D. (2022): Sozialisierungsprozesse der Radikalisierung im Internet. In: Rothenberger, Liane/Krause, Joachim/Jost, Jannis/Frankenthal, Kira (Hrsg.): Terrorismusforschung: interdisziplinäres Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden: Nomos, S. 399–408
Zuiderveen Borgesius, Frederik J./Trilling, Damian/Möller, Judith/Bodó, Balázs/De Vreese, Claes H./Helberger, Natali (2016): Should we worry about filter bubbles? In: Internet Policy Review, 5(1)