Außerschulische Bildung 1/2025

Lernen am Spielfeldrand

Wie Fußballstadien zu Orten politischer Bildung werden – Ein Erfahrungsbericht aus dem Lernort Ostseestadion

„Spielen wir heute Fußball?“ – eine ungewöhnliche Frage zu Beginn eines Workshops der politischen Bildung, die im Lernort Ostseestadion jedoch häufiger gestellt wird. Vor dem Hintergrund der besonderen Umgebung erscheint sie durchaus berechtigt. Ausgehend von den Erfahrungen in Rostock beleuchten die Autor*innen die Entstehung und Entwicklung des bundesweiten Netzwerks „Lernort Stadion“. Sie geben praxisnahe Einblicke und zeigen auf, welche Chancen und Herausforderungen das Konzept bietet und welche Unterschiede die aktuell 29 Standorte in Deutschland prägen. von Anne Geisler und Christoph Schultz

Der Morgen beginnt anders als gewöhnlich. Noch bevor das Ostseestadion in Rostock seinen täglichen Betrieb aufnimmt, warten die Bildungsreferent*innen bereits auf dem Stadionvorplatz. Die Luft ist kühl und in der Ferne nähert sich eine Gruppe Jugendlicher. Einige wirken noch etwas müde, andere hingegen sind aufgekratzt und neugierig. „Spielen wir heute Fußball?“, fragt einer, während eine andere hinzufügt: „Ich will Autogramme von den Spielern. Sehen wir die heute in echt?“ „Worum geht’s heute eigentlich?“, fragt ein weiterer Teilnehmer und blickt sich interessiert um.

Dieser Moment und die damit einhergehenden Wünsche und Fragen der Schüler*innen sind ein kleiner Ausschnitt, wie ein Projekttag im Lernort Ostseestadion beginnt und zeigt gleichsam die unterschiedlichen Erwartungen von Jugendlichen auf, wenn sie ein Stadion als außerschulischen Lernort besuchen. Lernorte außerhalb des Klassenzimmers entfalten ganz von selbst eine besondere Dynamik. Sie eröffnen Möglichkeiten, räumliche und emotionale Erfahrungen mit Wissen zu verknüpfen, soziale Interaktionen zu fördern und an authentischen Orten zu lernen. Wenn das Umfeld zudem so populär wie ein Fußballstadion ist, können sich diese Erfahrungen für die Teilnehmenden auf vielfache Weise intensivieren.

Von England nach Deutschland: Ursprung und Entwicklung der Lernorte

Fußball ist ein gesellschaftliches Phänomen, das Millionen von Menschen in Deutschland begeistert. Allein in der Saison 2023/2024 wurden in der ersten Bundesliga rund 12 Millionen Tickets für Fußballspiele verkauft. Der Deutsche Fußball-Bund zählt Anfang 2024 rund 7,7 Millionen Mitglieder und allein der FC Bayern München hat über 4.000 Fanclubs. Zahlen die deutlich zeigen, welchen Stellenwert Fußball in der Gesellschaft hat.

Stadien sind in dem Kontext Orte, in denen an vielen Wochenenden im Jahr die Faszination Fußball und Fankultur ausgelebt wird und Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus zusammenkommen, die im Alltag nur wenige oder gar keine Berührungspunkte haben.

Foto: Lernort Stadion e.V. aus dem Projekt „Europa ist ja hier!“

Die offensichtliche Anziehungskraft von Sportstadien war 1997 Ausgangspunkt der Initiative „Playing for Success“, die, angestoßen durch das britische Bildungsministerium, Kooperationen zwischen professionellen Sportvereinen und lokalen Bildungsakteuren entwickelte. In Lernzentren, die insbesondere in Stadien städtischer Gemeinden eingerichtet wurden, war es Ziel, die Begeisterung von Schüler*innen für Sport mit Bildungsinhalten zu verknüpfen. Bis 2006 wuchs das Konzept auf 150 Lernzentren an. Schüler*innen besuchten die Zentren nach der Schule für etwa 20 Stunden innerhalb eines Zeitraums von ca. zehn Wochen. Im Fokus stand die Aneignung von Kompetenzen in den Bereichen Mathematik, Lesefähigkeit und Informations- und Kommunikationstechnologie. Dabei orientierte sich das Konzept stark an schulischen Rahmenplänen (vgl. Sharp et al. 2007, S. ii). Die „Study Support Centres“ hatten daher eher den Charakter einer außergewöhnlichen Nachhilfeeinrichtung (vgl. Vosgerau 2014, S. 251).

Die Integration der Faszination Fußball in Bildungsprozesse erwies sich in diesem Kontext als förderlich. In einer Evaluationsstudie hebt eine Schulleiterin hervor, wie die Verbindung von Fußball und Bildung die Motivation der Schüler*innen erhöhte und ihre Freude am Lernen steigerte.

„The maths is done through football – they go to the shop and work out the cost of shirts … They interview players, do a player profile and present it using the IT skills they’ve been taught … It engages them totally and the attendance is excellent.“ (Sharp et al. 2007, S. 53)

Trotz positiver Erfahrungen wurde das Programm 2011 in England aufgrund von Budgetkürzungen beendet. Dennoch diente es als Modell für ähnliche Programme weltweit – so auch in Deutschland. 2009 wurden in Anlehnung an das Konzept aus Großbritannien unter der Trägerschaft der Robert-Bosch-Stiftung die ersten Lernzentren an Fußballprofistandorten gegründet. Anders als in den Study Support Centres war es hier Ziel, politische Bildung für Jugendliche im Stadion zu gestalten.

2011 ist das Projekt in Rostock ins Leben gerufen worden – zu der Zeit eine Kooperation unter der Trägerschaft des Fanprojekts Rostock (AWO), dem F.C. Hansa Rostock und Soziale Bildung e. V., als Akteur der außerschulischen politischen Bildung. Seit 2018 wird das Projekt Lernort Ostseestadion durch Soziale Bildung e. V. koordiniert und ist Teil eines bundesweiten Netzwerks, das seit 2014 durch den Verein Lernort Stadion e. V. als Dachverband organisiert wird.

Der Dachverband fördert die Zusammenarbeit der außerschulischen Bildungsstandorte in Deutschland und dient als Plattform für Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie die Initiierung innovativer Projekte. Die DFL Stiftung (ehemals Bundesliga Stiftung) unterstützt den Lernort Stadion e. V. und die Standorte seit 2010 und ist seit 2017 maßgebliche Hauptförderin neben dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Durch diese Unterstützung wächst das Projekt „Lernort Stadion“ bundesweit und konnte in der Vergangenheit weiterentwickelt und ausgebaut werden.

Die Vielfalt der Standorte

Mit 29 Standorten ist das Netzwerk mittlerweile nicht nur geografisch divers. Jeder Standort hat seine eigene Geschichte, sein eigenes lokales Netzwerk und spezifische Schwerpunkte. Die einzelnen Lernorte, die jeweils an Fußballstadien angesiedelt sind, zeichnen sich durch ihre jeweiligen regionalen und organisatorischen Kontexte aus. Diese Heterogenität führt zu variierenden Ansätzen in der Bildungsarbeit. Zentrale Marker in den Unterschieden sind hierbei Zielgruppen, thematische und methodische Ausrichtungen sowie die Kooperation mit lokalen Partner*innen und die Anbindung an die jeweiligen Profifußballclubs oder einen Bildungsträger vor Ort.

Die Wechselwirkung von struktureller und inhaltlicher Vielfalt und gemeinsamer Zielsetzung erzeugt ein produktives Spannungsfeld, das die Entwicklung innovativer und kontextsensibler Bildungsformate ermöglicht.

Gleichzeitig existieren grundlegende Gemeinsamkeiten wie bspw. die Einbindung des Sports als pädagogisches Medium und die Orientierung an den Zielen des Dachverbands. Diese Wechselwirkung von struktureller und inhaltlicher Vielfalt und gemeinsamer Zielsetzung erzeugt ein produktives Spannungsfeld, das die Entwicklung innovativer und kontextsensibler Bildungsformate ermöglicht.

Doch was bedeutet das in der Praxis?

Blicken wir zunächst zurück an die Ostseeküste, wo das Ostseestadion in Rostock als Lernort fungiert. Die Schüler*innen treffen ein, ihre Erwartungen und Fragen sind noch frisch in Erinnerung. Während sie vor dem Stadion auf den Beginn des Workshops warten, fallen bereits Accessoires oder Kleidungsstücke auf, die das Emblem der Kogge des F.C. Hansa Rostock zeigen – ein stilechtes Detail, an einem Ort, der für viele eine besondere Bedeutung hat und nur erahnen lässt, welche Begeisterung und Identifikation mit dem Verein dabei mitschwingt.

Foto: Lernort Stadion e.V. aus dem Projekt „Europa ist ja hier!“

Für manche Jugendliche ist es der erste Besuch im Ostseestadion, eine Premiere trotz ihrer Begeisterung für Fußball. Andere wiederum kennen den Ort bestens – als Dauerkarteninhaber*innen oder regelmäßige Besucher*innen. Und für einige Teilnehmende ist das Stadion ein Ort ohne persönliche Relevanz. Doch trotz der verschiedenen Bedeutungen, die die Teilnehmenden diesem Ort beimessen, teilen sie tendenziell die Perspektive, dass es etwas Besonderes ist, in genau dieser Gruppenkonstellation dort zu sein, Wege zu gehen und Räume zu betreten, die sonst hochexklusiv sind.

Eine Einschätzung, die auch im Fachdiskurs geteilt wird: „Vielmehr wird einhellig das Potenzial betont, das Stadion sei ein besonderer Lernort und besitze über den Profi-Fußball genuine Anziehungskraft.“ (Fritz et al. 2024, S. 53) Diese Position unterstreicht die einzigartige Rolle, die Stadien als Lernorte spielen, indem sie nicht nur durch den Sport, sondern auch durch ihre symbolische Bedeutung und ihre Fähigkeit, verschiedene soziale Gruppen anzuziehen, charakterisiert sind.

Die genuine Anziehungskraft des Stadions kann als eine Art „Grundvoraussetzung“ für die Bildungsarbeit der Lernorte gelten, dennoch bleibt die Frage, wie man diese Anziehungskraft gelingend einsetzt, um die Lernenden für die bildungspolitischen Themen zu erreichen und zu motivieren.

Die hier erwähnte genuine Anziehungskraft des Stadions kann als eine Art „Grundvoraussetzung“ für die Bildungsarbeit der Lernorte gelten, dennoch bleibt die Frage, wie man diese Anziehungskraft gelingend einsetzt, um die Lernenden für die bildungspolitischen Themen zu erreichen und zu motivieren. Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen Lernorten des Netzwerks wichtig. Insbesondere die Zielgruppe, die inhaltlichen Schwerpunkte und die Anbindung an den Proficlub können hier als relevante Charakteristika im Lernort Stadion-Netzwerk hervorgehoben werden. Diese Aspekte bestimmen maßgeblich, wie die Anziehungskraft des Stadions in den Bildungsprozess integriert werden kann und welche Auswirkungen dies auf die Ausgestaltung der Bildungsangebote und die Zielerreichung hat.

Um ein klares Bild davon zu bekommen, wie sich diese Unterschiede in der Praxis zeigen, wurden im Rahmen dieses Beitrags Interviews mit drei weiteren Lernorten geführt: dem „Grünweißen Klassenzimmer“ in Wolfsburg, dem „Bildungspark“ in Mönchengladbach und „Lernen mit Kick“ in München.

Zielgruppen

Wieder im Ostseestadion … Die Bildungsreferent*innen geleiten die Schüler*innen gemeinsam ins Stadion. Mit ihren Rucksäcken im Gepäck strömen sie durch das Eingangstor, an den alten und markanten Flutlichtmasten und am ehemaligen Marathontor des alten Stadions vorbei, hinein in den VIP-Westeingang des Ostseestadions. „Heute seid ihre unsere VIPs des Tages“, sagen die Bildungsreferent*innen. Die Jugendlichen überlegen gemeinsam, was die Abkürzung ausgesprochen bedeutet und was sie auf Deutsch heißt.

Angekommen im „Deck 65“, dem Seminarraum für den Projekttag, wird die Gruppe von diversen Logos der Kogge, alten Zeitungsartikeln und Choreo-Fotos empfangen und viele Jugendliche treten erstaunt ein. Dieser Raum, der an Spieltagen für besondere Gäste genutzt wird, ist heute ihr Lernort.

Einige Schüler*innen haben noch nie das Stadion von innen gesehen, obwohl ihre Begeisterung für Fußball groß ist. Schnell beginnen die Diskussionen über die Kosten einer Karte und wie teuer ein Ticket für die Logen wohl sein mag. Während die Jugendlichen ihre Jacken ausziehen und sich im für sie arrangierten Stuhlkreis niederlassen, nutzen die Bildungsreferent*innen die Gelegenheit, um organisatorische Dinge zu klären und ein kurzes, freundliches Gespräch zu führen. „Wie war die Fahrt? Seid ihr gut angekommen?“ Die Klasse hat über eine Stunde mit dem Bus des Schienenersatzverkehrs gebraucht, eine lange Strecke, die viele aus dem ländlichen Raum in Mecklenburg-Vorpommern auf sich nehmen, um den Lernort zu besuchen.

Die Teilnehmenden des Lernorts Ostseestadion stammen oft aus dem ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns oder den peripheren Großwohnsiedlungen Rostocks. Die Identifikation mit dem F.C. Hansa Rostock ist stark ausgeprägt. Ähnlich ist es auch in Mönchengladbach, wohingegen die Identifikation mit dem lokalen Profifußballclub in München eher schwach ausgeprägt ist.

Kurz nach der Begrüßung fragt ein Schüler: „Gibt es hier etwas zu essen? Ich habe nichts mit.“ Die Frage hängt in der Luft, und die Bildungsreferent*innen tauschen einen kurzen Blick aus. Es ist ein alltägliches Problem in Mecklenburg-Vorpommern, einer Region, die stark von sozialer Ungleichheit geprägt ist. Viele Jugendliche kommen aus Familien, die mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen, und es ist nicht ungewöhnlich, dass sie ohne Essen und Trinken zur Schule kommen. Mittlerweile hat das Bildungsteam immer Wasser, Müsliriegel und Äpfel dabei, um auf diese Situation vorbereitet zu sein.

Mit Blick auf den Lernort Ostseestadion sind die beschriebenen Ausgangslagen für die Region charakteristisch. Im Vergleich zu anderen Standorten wird hier deutlich, wie stark je nach demografischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten die Zielgruppen variieren. In Rostock arbeitet der Lernort mit Gruppen aus ganz Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Unter den Teilnehmenden ist der Anteil von Menschen mit internationaler Familiengeschichte vergleichsweise gering, anders als in Mönchengladbach oder München – Orte, bei denen der Anteil in einigen Stadtteilen bei 75 % liegt.

In Mönchengladbach spielen darüber hinaus neben der Betroffenheit durch Armut auch Herausforderungen wie Sprachbarrieren und Traumata von Menschen mit Fluchterfahrung eine zentrale Rolle. Die Zielgruppen benötigen oft eine Überarbeitung der Workshops hin zur leichteren Sprache und praktischeren Ansätzen. Die Unterschiede in den Zielgruppeneigenschaften sind entscheidend für die Gestaltung der Bildungsarbeit an den Lernorten. Die spezifischen Merkmale bestimmen, welche Themen und Methoden am besten geeignet sind, um die Teilnehmenden zu erreichen.

Methodisch-inhaltliche Vielfalt und immersive Lernformate

Im Ostseestadion stellen die Bildungsreferent*innen nach einem Kennlernspiel und einem kurzen Warm-up den Tagesplan vor. Heute geht es unter dem Motto „Unfaires Spiel“ um die Themen Fake News und Hate Speech im Alltag. Gemeinsam mit den Jugendlichen wird zu den beiden Begriffen assoziiert, was diese bedeuten und was sie mit Fußball zu tun haben könnten. Für das Thema wurde ein bildungspolitischer Escape Room für den Standort entwickelt, der in den Stadionräumen der VIP-Lounge, der Gästekabine und dem Presseraum stattfindet. Dort gehen die Teilnehmenden den Spuren eines Spielers nach, der von Fake News und Hate Speech betroffen ist. Diese immersive Methode ermöglicht es ihnen, komplexe Themen wie Medienkompetenz und Diskriminierung interaktiv zu erarbeiten. Die authentische Umgebung verleiht den Workshops eine besondere Bedeutung.

„Wow, ich bin noch nie in der Gästekabine gewesen!“, ruft ein Schüler, als er den Raum betritt, in dem die Gästemannschaften vor dem Spiel ihre letzten Vorbereitungen treffen. „Hier haben die Profis gesessen!“, fügt eine Schülerin hinzu, während sie sich umsieht. „Sieht ganz schön nach Turnhalle aus.“, sagt ein anderer Schüler. Der Einsatz der originalen Räume als Lernumgebung hat einen großen Einfluss auf die Schüler*innen. Sie beginnen, die Bildungsthemen aus einer neuen Perspektive zu sehen, und die Verbindung zwischen Theorie und Praxis wird deutlich. Die Kombination aus originalen Räumen und interaktiven Lernmethoden, wie dem Escape Room, ermöglicht es, Bildungsthemen auf eine eindrucksvolle und immersive Weise erfahrbar zu machen. Die Schüler*innen arbeiten eng zusammen und lösen gemeinsam die Rätsel. Ein Schüler sagt: „Es ist cool, dass wir hier in der Gästekabine sitzen und so tun, als wären wir Teil des Teams.“

Foto: Lernort Stadion e.V. aus dem Projekt „Europa ist ja hier!“

Die Kombination aus der Authentizität der Räumlichkeiten und den interaktiven Bildungsformaten schafft eine eindrückliche Lernumgebung. Die Teilnehmenden tauchen tief in die Welt des Fußballs ein, lernen dabei wichtige Fähigkeiten wie Teamarbeit, kritisches Denken und Kommunikation. Die direkte Begegnung mit den Orten, an denen die Profis trainieren und spielen, oder wichtige Momente wie die Pressekonferenz stattfindet, verleihen den Bildungsthemen eine zusätzliche Bedeutung und Relevanz.

Der Einsatz der originalen Räume als Lernumgebung hat einen großen Einfluss auf die Schüler*innen. Sie beginnen, die Bildungsthemen aus einer neuen Perspektive zu sehen, und die Verbindung zwischen Theorie und Praxis wird deutlich.

Die Spannung in der Pressekonferenz, die nach dem Escape Room stattfindet und durch die Teilnehmenden gestaltet wird, ist greifbar. Nach dem Escape Room versammeln sich die Jugendlichen, um die gesammelten Hinweise zusammenzutragen und über das Schicksal des betroffenen Fußballspielers zu beraten. Einige reißen sich um die vorderen Plätze, um selbst den Vorstandsvorsitzenden zu spielen, während andere, in der Rolle der Medien, ihre Mitschüler*innen mit provokanten Fragen aus dem Konzept bringen wollen. „Wir möchten den Spieler Sobiño nicht entlassen, er soll eine Entschädigung erhalten!“, lautet ein Fazit der Pressekonferenz.

Nach einer intensiven Diskussion steht der Beschluss fest. Der Rollenausstieg beendet die Simulation, doch die Auseinandersetzung mit den Themen geht weiter. In der Transferphase ordnen die Jugendlichen ihre Erlebnisse aus dem Escape Room und dem Themenbereich Fußball. Interaktive Methoden helfen ihnen dabei, die Erfahrungen in ihre eigene Lebenswelt zu übertragen. Sie reflektieren, wie sie auf Hassnachrichten reagieren wollen, ob es einen Unterschied macht, ob dies online oder persönlich geschieht, und setzen sich mit neuen Phänomenen auseinander, immer mit Bezug auf die Erfahrungen aus den Escape Rooms und Beispielen aus dem Fußball oder Stadion.

Das Projekt im Lernort Ostseestadion verfolgt hiermit einen Ansatz, der in Rostock hohe Priorität hat: die Verbindung von sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Empathie und Konfliktlösung mit politischer Bildung zu Themen wie Antidiskriminierung und Partizipation.

Obwohl alle Lernorte thematische Schnittmengen haben, die sich auf die Themen Diskriminierung und Vielfalt beziehen, setzen die einzelnen Standorte unterschiedliche Schwerpunkte, die auf die regionalen Bedürfnisse und Gegebenheiten zugeschnitten sind.

Vielfalt und Antirassismus sind beispielsweise zentrale Themen in Wolfsburg und Mönchengladbach, mit spezifischen Angeboten zu dem Themenfeld. Das „Grün-Weiße Klassenzimmer“ des VfL Wolfsburg bietet zudem langfristige Kooperationen mit Schulen an, die sich durch mehrmalige Workshops pro Jahr und eine enge Zusammenarbeit mit den Lehrkräften auszeichnen. Das Projekt „Lernen mit Kick“ in München richtet sich an Jugendliche aus der Stadt und dem Umland. Die Themen sind breit gefächert und reichen von Nachhaltigkeit über Inklusion bis hin zum Umgang mit Geld und Konsum. Ein Workshop zur finanziellen Bildung beginnt mit der Frage: „Was würdet ihr tun, wenn ihr das Gehalt eines Profifußballers hättet?“ Die Jugendlichen lachen, werfen Schlagworte wie „Autos“ und „Luxus“ in den Raum, und schon entwickelt sich eine Diskussion über Konsumverhalten und finanzielle Verantwortung. Später folgt eine interaktive Übung, bei der die Teilnehmenden lernen, wie sie ein erstes Bankkonto eröffnen und ihr Budget planen.

Zusätzlich gibt es noch Unterschiede in der methodischen und strukturellen Umsetzung. Einige Standorte setzen auf paritätische Tandems, während andere aufgrund ihrer Personalstruktur allein Workshops durchführen. Je nach Thema und Fortführungsmöglichkeiten liegt der Fokus in einigen Standorten auf der Gestaltung von Lernumgebung ohne Lehrkräfte, um z. B. offenere Diskussionen zu ermöglichen. Andere Standorte binden je nach Thema Lehrkräfte aktiv ein, damit sie in Gruppenmethoden aktive Teilnehmende sind oder damit sie nach dem Projekttag Verantwortung für die Fortführung der Inhalte übernehmen.

Anbindung an die Proficlubs

Der Projekttag im Ostseestadion neigt sich dem Ende zu. Die Jugendlichen erhalten die Gelegenheit, ihr Feedback zu teilen und ihre Eindrücke zu reflektieren. Doch ein Highlight des Tages steht noch aus: der exklusive Stadionrundgang.

Die Gruppe ist auf dem Weg, die eher verborgenen Ecken des Stadions zu entdecken. Sie haben bereits einen Blick hinter die Kulissen geworfen, doch nun dürfen sie den heiligen Rasen betreten – zumindest fast. „Rasen betreten verboten“ mahnt ein Schild, doch einige können nicht widerstehen, sacht mit ihrer Hand über den grünen Teppich zu streichen. Die VIP-Logen, das Spielfeld und das Stadiongefängnis, das es mittlerweile in vielen Stadien gibt, jede Station gibt neue Einblicke. Einige träumen davon, sich eine Loge für sich und ihre Freund*innen zu mieten oder ein kleines Fußballmatch auf dem Rasen auszutragen. Der Rundgang bietet eine gute Gelegenheit, die Eindrücke des Tages nochmal zu verarbeiten. „Wie viele Leute passen hier rein? Ich glaube 1 Million!“, ruft ein Junge. „Quatsch, maximal Tausend Menschen“ vermutet eine andere. „Und vielleicht sehen wir ja sogar noch einen Spieler!“ Die Hoffnung auf ein Autogramm schwebt in der Luft. Doch je nach Kooperation und Anbindung zum Profi-Club sind die Möglichkeiten unterschiedlich. Manchmal ist die Nähe zum Profifußball greifbar, manchmal eher weiter weg. Ein Nähe-Distanz-Verhältnis, welches die Bildungsarbeit der Lernorte prägt und Spezifika mit sich bringt.

Hierbei spielt die Tatsache, dass viele Fußballvereine sich als „politisch neutral“ sehen, eine bedeutende Rolle. Dies kann es schwierig machen, politische Themen, die offenkundig vorhanden sind in Sport, Fußball und Fankultur, an dem Ort zu thematisieren, wo sie zum Tragen kommen. Durch die Kooperation mit Proficlubs und die Förderung durch Stiftungen kann dieser Herausforderung in Teilen begegnet werden. In Rostock, wo das Projekt von einem freien Träger koordiniert wird, gibt es mehr inhaltliche Freiheiten. Gleichzeitig ist die Finanzierung eine größere Herausforderung. „Wir müssen unsere Mittel immer wieder neu akquirieren und kämpfen oft um jede Unterstützung“, erklärt die Projektmitarbeiterin. Dennoch bietet die Unabhängigkeit vom Verein auch Vorteile: „Wir können Themen setzen, die für den Club vielleicht nicht prioritär sind und bewusst nicht angesprochen werden, aber gesellschaftlich hoch relevant sind.“ In Wolfsburg profitiert der Lernort stark von der Infrastruktur und dem Image des Clubs. Hier genießt das Bildungsprojekt großen Rückenwind vom Club, was die Arbeit erleichtert. „Wir haben die Möglichkeit, die Kinder und Jugendlichen an Orte zu führen, die für sie sonst nicht zugänglich wären“, berichtet die Leiterin des „Grün-Weißen Klassenzimmers“ in Wolfsburg. Ein Rundgang durchs Stadion, der Einblick in die Kabinen und die Gespräche mit Vereinsmitarbeitenden sind Highlights, die die Teilnehmenden begeistern. Zusätzlich gibt es ein extra eingerichtetes „Grünweißes Klassenzimmer“, das immer für die Bildungsarbeit in Wolfsburg bereitsteht und es somit nie zu Raumproblemen oder Interessenkonflikten kommt. Die Anbindung der Lernorte an Profifußballvereine bietet zahlreiche Vorteile wie den Zugang zu exklusiven Räumen und die Möglichkeit, Spieler*innen oder Vereinsmitarbeitende einzubeziehen. Gleichzeitig birgt die enge Kooperation mit einem kommerziellen Verein auch Herausforderungen: So muss die Bildungsarbeit stets den Balanceakt zwischen inhaltlicher Unabhängigkeit und den Interessen des Vereins meistern.

Obwohl alle Lernorte thematische Schnittmengen haben, die sich auf die Themen Diskriminierung und Vielfalt beziehen, setzen die einzelnen Standorte unterschiedliche Schwerpunkte, die auf die regionalen Bedürfnisse und Gegebenheiten zugeschnitten sind.

Die Nähe und teilweise Eingebundenheit in den kommerzialisierten Fußball ist somit sowohl eine Herausforderung, die auch Kritik erfährt (vgl. z. B. Hirsch 2019), als auch eine Chance, wenn die Offenheit vorhanden ist, dass Bildungsprozesse im Lernort Stadion als Form kritischer politischer Bildung aufgefasst werden, in der gesellschaftliche Widersprüche und Konflikte unter methodisch didaktischer Nutzung eines Wirkungsortes, an dem diese zum Tragen kommen, thematisiert werden können (vgl. Fritz et al. 2024, S. 54; nach Hebenstreit 2020).

Dieses Potenzial im Blick kommen Fritz et al. zu der resümierenden Aussage – welche die Autor*innen teilen – „dass das LOS-Modell (Lernort Stadion Modell), wie es aktuell konzipiert ist, zwar klassische politische Bildung als Kompetenz- und Wissensvermittlung ermöglicht, nicht jedoch Demokratiebildung“ (Fritz et. al. 2024, S. 52). Das Zitat macht neben den Möglichkeiten für politische Bildung auch aktuelle konzeptionelle Grenzen deutlich. Die pädagogischen Settings der Lernortstandorte sind bundesweit tendenziell auf kurzzeitpädagogische Maßnahmen mit enger Kopplung an Schule ausgerichtet, die das Potenzial für Partizipationsmomente wenig entfalten.

Vor dem Hintergrund dieser Lücke ist Soziale Bildung e. V. am Standort in Rostock auf Suchbewegung und erprobt seit diesem Jahr (2025) mittels eines Modellprojekts auf Landesebene, das durch das Sozialministerium gefördert wird, neue Wege der außerschulischen Kooperation und der langfristigen Begleitung von Kinder- und Jugendhilfestrukturen.

Die neuen Wege werden mit der Gewissheit gegangen, dass Sport im Allgemeinen und die Faszination Fußball im Speziellen sowohl für Stadiondauerkartenbesitzer*innen als auch uninteressierte Beobachter*innen Potenziale in Bildungsprozessen bieten.

Zu den Autor*innen

Anne Geisler ist Sozialarbeiterin und systemische Beraterin. Sie ist Projektleiterin des Lernorts Ostseestadion bei Soziale Bildung e. V. In dieser Rolle konzipiert und realisiert sie innovative Bildungsformate, die sich mit aktuellen sozial-politischen Themen befassen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung gesellschaftlich relevanter Inhalte durch praxisnahe und kreative Ansätze in Verbindung mit Fußball. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sie sich ehrenamtlich im Vorstand von Lernort Stadion e. V.
a.geisler@soziale-bildung.org
Christoph Schultz ist Dipl. Pädagoge und B. A. Sozialwissenschaftler. Er ist langjähriger Mitarbeiter von Soziale Bildung e. V. Sein aktueller Arbeitsschwerpunkt als Jugendbildungsreferent im Programm „Politische Jugendbildung im AdB“ liegt im Themenbereich „Soziale Frage und politische Teilhabe“ sowie internationaler Jugendarbeit. In verschiedenen Lehraufträgen widmete er sich Fragen der quantitativen Sozialforschung und ist systemischer Berater.
c.schultz@soziale-bildung.org

Literatur

Fritz, Fabian/Laasch, Marlene/Christian, Hanna (2024): „Mit einem Fuß im Stadion – und dann?“ Eine praxisreflexive Analyse von Potenzialen und Grenzen politischer Jugendbildung und Demokratiebildung beim „Lernort Stadion“-Modell auf Basis kritischer wissenschaftlicher Beiträge. In: Fritz, Fabian/Schmidt, Birger/Walter, Simon/Zwecker Markus (Hrsg.): Wie gelingt partizipative politische Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene in Fußball? Weinheim: Beltz Juventa, S. 44–60
Hebenstreit, Stefan (2020): Draußen im außerschulischen Lernort. Fußballstadien als Erfahrungsräume sportbasierter Jugendbildungsarbeit. In: Bous, Barbara/Hildmann, Jule/Scholz, Martin (Hrsg.): Draußen lernen: Handlungsorientierte Bildungsprojekte. Forschung rund um die Erlebnispädagogik. Augsburg: Ziel
Hirsch, Anja (2019): Gemeinwohlorientiert und innovativ? Die Förderung politischer Jugendbildung durch unternehmensnahe Stiftungen. Bielefeld: transcript Verlag
Sharp, Caroline/Chamberlain, Tamsin/Morrison, Jo/Filmer-Sankey, Caroline (2007): Playing for Success: An Evaluation of its Long Term Impact. National Foundation for Educational Research. Nottingham: Department for Education and Skills
Vosgerau, Söhnke (2014): Fußball und politische Bildung. Lernort Stadion – Was Fußball zur politischen Bildung beitragen kann. In: unsere jugend 66 (6), S. 247–256. München: Ernst Reinhardt Verlag