Außerschulische Bildung 1/2025

Sportvereine als Orte der Demokratiebildung?

Ansprüche und Wirklichkeiten aus multidisziplinärer Perspektive

Sportvereine bieten nicht nur die Möglichkeit, gemeinsam sportlich aktiv zu sein, sondern sie können Räume sein, in denen Demokratiebildung stattfindet. Der Artikel beleuchtet die Potenziale und Herausforderungen von Sportvereinen als Orte der Demokratiebildung für Kinder und Jugendliche. Dabei werden erstmals die sportwissenschaftliche und die sozialpädagogische Perspektive auf Demokratiebildung im Sportverein zusammengeführt. Analog zu den Begrifflichkeiten des 16. Kinder- und Jugendberichts erschließt sich so ein disziplinübergreifender Blick auf das Zusammenspiel von Demokratie als Bildungsgegenstand, als Bildungsstruktur und als Bildungserfahrung junger Menschen. von Rolf Ahlrichs und David Jaitner

Sportvereine sind in Deutschland eine zentrale Säule der Zivilgesellschaft und prägen das soziale Leben von Millionen Menschen (vgl. Feiler/Breuer 2023). Aktuell sind in Deutschland mehr als 28 Mio. Menschen, davon über 10 Mio. Kinder und Jugendliche unter 27 Jahren, Mitglied in rund 86.000 Sportvereinen (vgl. Deutscher Olympischer Sportbund 2024). Dies ist der höchste Wert seit der ersten Bestandserhebung im Jahr 1954 und zeigt eine bemerkenswerte Rückkehr zur Attraktivität des Vereinssports nach Rückgängen während der Corona-Pandemie.

Sportvereine bieten nicht nur die Möglichkeit, gemeinsam sportlich aktiv zu sein, sondern sie können Räume sein, in denen demokratierelevante Werte wie Fairness, Vielfalt und Solidarität vermittelt werden (vgl. Deutscher Olympischer Sportbund/Deutsche Sportjugend 2020). Doch in welchem Maße erfüllen Sportvereine diese Rolle als Ort der Demokratiebildung tatsächlich? Fördern sie demokratische Erfahrungen der Mitbestimmung, Konfliktlösung und Partizipation? Dieser Artikel beleuchtet die Potenziale und Herausforderungen von Sportvereinen als Orte der Demokratiebildung für Kinder und Jugendliche. Dabei werden sozialpädagogische und sportwissenschaftliche Perspektiven auf Demokratiebildung in einen produktiven Diskurs gebracht. Im Folgenden widmen wir uns, einem Vorschlag des 16. Kinder- und Jugendberichts (Deutscher Bundestag 2020) folgend, zunächst der Demokratie als Bildungsstruktur, sodann der Demokratie als Bildungsgegenstand und schließlich der Demokratie als Erfahrung. Eine Diskussion und ein Ausblick schließen den Artikel ab.

Demokratie als Bildungsstruktur

Aus sozialpädagogischer Perspektive, wie sie insbesondere im Rahmen der „Hamburger Schule der Demokratiebildung“ (Ahlrichs et al. 2021) entwickelt wurde, besitzen Vereine aufgrund ihrer Struktur prinzipiell ein besonders hohes Potenzial zur Demokratiebildung. Die Verbindung zwischen Demokratie und Vereinen wird dabei gesellschafts- und demokratietheoretisch fundiert: Ausgehend von de Tocquevilles (2016/1835) Analyse der zentralen Rolle von Vereinigungen in der Demokratie des 19. Jahrhunderts in den USA, über Deweys (2011/1916) Konzept des demokratischen Erfahrungslernens in embryonic societies, bis hin zu Habermas‘ (2015/1962) Konzept der kommunalen Öffentlichkeit als zentralem Prinzip deliberativer Demokratie wird nachgezeichnet, welche Strukturprinzipien demokratische Erfahrungen in Vereinen theoretisch ermöglichen (eine Übersicht bietet Richter 2022).

Elisabeth Richter und Kolleg*innen (2016) identifizieren die Umsetzung folgender Vereinsprinzipien als Grundlage für ein dementsprechendes demokratisches Erfahrungslernen: Freiwilligkeit, Mitgliedschaft, demokratische Strukturen im Ehrenamt, lokale oder sozialräumliche Verankerung sowie die Orientierung an der Öffentlichkeit. Vereine zeichnen sich zudem durch egalitäre Interaktionsformen aus, die auf Dialog und Diskurs basieren. Sportvereine erfüllen diese Vereinsprinzipien in besonderer Weise. Sie sind als Mitgliedschaftsvereine organisiert, beruhen auf ehrenamtlichem Engagement, werden in der Regel durch ehrenamtliche Vorstände geleitet, führen ihre sportlichen Aktivitäten im lokalen Umfeld (z. B. Stadtteil, Dorf) durch und verstehen sich als Teil der kommunalen Öffentlichkeit. Darüber hinaus sind ihre Interaktions- und Entscheidungsprozesse demokratisch gestaltet.

Sportvereine bieten nicht nur die Möglichkeit, gemeinsam sportlich aktiv zu sein, sondern sie können Räume sein, in denen demokratierelevante Werte wie Fairness, Vielfalt und Solidarität vermittelt werden.

Die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen lässt sich in diesem Zusammenhang auf zwei Ebenen betrachten (vgl. Ahlrichs/Fritz 2021): Zum einen haben sie in Gruppen oder Teams die Möglichkeit, über alltägliche Fragen der jeweiligen Gemeinschaft mitzuentscheiden, da die dort gefällten Entscheidungen alle Teilnehmenden direkt betreffen. Zum anderen basiert ihre Mitbestimmung in den Gremien und Strukturen demokratischer Vereine auf der Mitgliedschaft. Diese stattet Kinder und Jugendliche gemäß den Regelungen der jeweiligen Satzung mit Mitbestimmungsrechten aus. Dadurch wird ihre Partizipation nicht zu einer beliebigen, von Erwachsenen gewährten Option, sondern zu einer rechtlich gesicherten Möglichkeit, an Entscheidungen teilzuhaben. Das besondere Potenzial von Vereinen entsteht aus der Verbindung dieser beiden Ebenen: Sie ermöglichen Kindern und Jugendlichen einerseits die Erfahrung demokratischer Praxis im Alltag des Vereins und andererseits die aktive Mitgestaltung demokratischer Strukturen. Auf diese Weise wird Demokratie als Lebens- und Regierungsform erlebbar und angeeignet (vgl. Richter, E. et al. 2016). Die Strukturen der Vereine fungieren dabei als Ermöglichungs- und Bildungsraum: Sie bieten nicht nur Raum für Partizipation, sondern wirken auch bildend, indem demokratische Strukturen durch gemeinsames Handeln erlernt und gestaltet werden (vgl. Riekmann 2011).

Sportwissenschaftlich ist die demokratische Funktion von Sportvereinen als soziale Gebilde mit bestimmten Strukturen v. a. historisch (vgl. z. B. Langewiesche 2000) und organisationssoziologisch (vgl. z. B. Heinemann/Horch 1981) verbrieft, insbesondere im sportpädagogischen Diskurs sind Auseinandersetzungen mit demokratiebildenden Möglichkeiten, die Sportvereine als freiwillige Vereinigungen strukturell bieten können, allerdings kaum vorhanden. Anschlussfähige pädagogische Kriterien, wie die Vermittlung von Werten wie Fair Play und Toleranz, finden zwar in verfassten Selbstansprüchen von Sportverbänden und -vereinen (z. B. in Satzungen, Leitbildern, Ethikcodes) regelmäßig Ausdruck, entsprechende sportpädagogische Ansätze bleiben aber bislang eher skizzenhaft und ohne eigenständige konzeptionelle Umsetzung. Balz et al. (2018) beispielsweise widmen der Erwartung größerer Partizipationschancen in ihrem Übersichtsartikel zu pädagogischen Erwartungen an Sportvereine ein eigenes Kapitel und rekurrieren dabei unter anderem auf die Spezifika von Freiwilligenorganisationen und strukturell verankerte Beteiligungsformen zur Mitgestaltung des Sportvereinslebens.

Demokratie als Bildungsgegenstand

Auch wenn die akademische Sportpädagogik vorrangig auf den Schulsport ausgerichtet ist, bestehen Ansätze, die Demokratie als Bildungsgegenstand auch in anderen Settings zu konzipieren. Der Ansatz von Derecik und Menze (2018) adressiert den Wert, den verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Sporträume für Demokratiebildung haben können und fragt nach Möglichkeiten, Kompetenzen und Prozessen für gelingende Partizipation in Sportvereinen. Gelingende demokratische Partizipationsförderung ist dabei an die Grundidee gebunden, dass diese im aktiven Handeln erlebt und erfahren werden sollte. Basierend auf Vorarbeiten aus der Schulpädagogik werden verschiedene Möglichkeiten der Mitbestimmung, -sprache und -gestaltung ausgelotet, die Sport, Spiel und Bewegung in Sportvereinen bieten, und in ein „Modell zur didaktischen Umsetzung von demokratischer Partizipation“ überführt, das Zieldimensionen, Orte und Handlungsformen demokratischer Partizipation miteinander verbindet (vgl. Abbildung).

Abbildung: Grundlagenmodell zur didaktischen Umsetzung von demokratischer Partizipation (Derecik/Menze 2018, S. 58)

Der erfahrungsorientierte Ansatz von Ratzmann und Gaum (2024) richtet den demokratiebildenden Fokus stärker auf den Gegenstand „Sport, Spiel und Bewegung“ und verbindet leibliche Einsichten, die in den sportiven Aktionsformen selbst verortet sind, mit kognitiven Reflexionen über das gemeinsame Sich-Bewegen. Demokratiebildende Settings im Sport (z. B. Sportvereine) werden dabei als doppelte ästhetische Erfahrungsräume konzipiert. Bewegungsästhetische Erfahrungen zeichnen sich durch körperlich-leibliche Interaktionen mit anderen Menschen aus, die im Sich-Bewegen unmittelbar und nicht über Sprache verbalisiert erfolgt. In der Praxis geht es dabei um aktives gemeinsames sportliches Handeln, das in sportlichen Bewegungskulturen gleichzeitig immer auch gegeneinander gerichtet ist. Gerade der wettkampforientierte Sport im Verein ist auf diese Weise durch ein geregeltes Spannungsverhältnis von Gemeinsamkeit und Widerstreit geprägt, indem Aus- und Verhandlungsprozesse in Bewegung leiblich erfahrbar werden können. Sozialästhetische Erfahrungen thematisieren andere soziale Interaktionsformen in sportlichen Aktivitäten (z. B. Sprechen, Diskutieren etc.) und verweisen auf stärker kognitiv geprägte Möglichkeiten der Demokratiebildung, die sprachlich vermittelt sind. In der Praxis steht dabei die Auseinandersetzung mit demokratisch relevanten sozialen Aspekten im Vordergrund, wie beispielsweise das Artikulieren von Interessen oder das Abstimmen von Umgangsformen. Diese Prozesse setzen jeweils eine vorübergehende Unterbrechung des sportlichen Bewegungsvollzugs voraus, um die Reflexion zu ermöglichen.

Vereine zeichnen sich durch egalitäre Interaktionsformen aus, die auf Dialog und Diskurs basieren. Sportvereine erfüllen diese Vereinsprinzipien in besonderer Weise.

Auch aus sozialpädagogischer Perspektive lässt sich in jüngeren Studien eine Hinwendung zur Vermittlung der Demokratie als Bildungsgegenstand beobachten. So arbeitet Fritz (2024) in seiner Dissertation zur Demokratiebildung in selbstverwalteten, nicht-kommerziellen und Community-geführten Profi-Fußballvereinen in England heraus, dass nicht alle von ihm untersuchten Vereinstypen demokratische Werte fördern. Während einige als „Schulen der Demokratie“ fungieren, können andere ausgrenzend wirken und Demokratie sogar schädigen. Unter Rückgriff auf die Mitte-Studie (Delto/Zick 2021) wird deutlich, dass vor allem kleinere Sportvereine mit homogenen Mitgliederstrukturen soziale Schließung und Ausgrenzung fördern können, ohne diese Mechanismen zu reflektieren. Diese Dynamiken bieten auch Nährboden für menschenfeindliche Einstellungen, wie etwa chauvinistische und sozialdarwinistische Haltungen, eine Gefahr, auf die auch der 16. Kinder- und Jugendbericht hinweist (Deutscher Bundestag 2020, S. 356). Somit können homogene Strukturen in Vereinen die offenen Zugangsbedingungen und egalitären Interaktionsformen gefährden. Ahlrichs und Hoffmann (2022) ergänzen daher auf der Grundlage einer Studie zur demokratischen Partizipation in Jugendverbänden die strukturellen Gelingensbedingungen der Demokratiebildung neben der Umsetzung der Vereinsprinzipien um zwei weitere Aspekte: die Vermittlung einer demokratischen Weltanschauung, die Gemeinwohlorientierung fördert, sowie gesellschaftliche Solidarität als konkretes Handeln für die Gemeinschaft. Fritz schließt daran an, wenn er konstatiert: „Es geht bei Demokratiebildung auch darum, Wissen über Ausgrenzung zu vermitteln und solidarisches Handeln, insbesondere mit gesellschaftlichen Minderheiten, einzuüben.“ (Fritz 2024, S. 70) Demokratiebildung wird insofern auch aus sozialpädagogischer Perspektive nicht nur als demokratisches Erfahrungslernen in Vereinsstrukturen, sondern auch als Reflexion ebendieser Erfahrung sowie als Vermittlung von Solidarität verstanden.

Demokratie als Erfahrung

Der 16. Kinder- und Jugendbericht weist mit Blick auf alle untersuchten Räume des Aufwachsens auf die sehr begrenzte empirische Datenlage zu konkreten Demokratieerfahrungen hin (Deutscher Bundestag 2020, S. 131). Das gilt auch für Sportvereine, obwohl diesen als mit Abstand mitgliederstärkster und zugleich auch niedrigschwelliger Vereinstyp ein besonderes Potenzial für die Demokratiebildung zugeschrieben wird und damit ein besonderes Forschungsinteresse unterstellt werden könnte (vgl. Richter, H. et al. 2016).

Aus sozialpädagogischer Perspektive der „Hamburger Schule für Demokratiebildung“ sind vor allem die Studien von Riekmann (2011), Ahlrichs (2019), Ahlrichs und Hoffmann (2022) sowie Fritz (2024) relevant. In Riekmanns Studie zum pädagogischen und demokratischen Selbstverständnis Hamburger Jugendverbände wird bei den befragten Vereinsmitgliedern ein unterschiedliches Demokratieverständnis deutlich, das von Demokratie als Lebensform bis zu einer eingeschränkten Auffassung von Demokratie als Regierungsform reicht. Riekmann beschreibt zudem Entdemokratisierungstendenzen, die das Potenzial für Demokratiebildung wesentlich beeinträchtigen. So sind beispielsweise konflikthafte Kontroversen und demokratische Entscheidungsprozesse selten, wenn sich die Vereinsmitglieder im Wesentlichen aus denselben gesellschaftlichen Gruppen zusammensetzen (Familiarisierung). Zudem lassen sich in Vereinen Zentralisierungstendenzen beobachten, also die Verlagerung von Entscheidungen auf höhere Ebenen, wodurch die Verbindung zwischen Lokalität und Demokratie geschwächt wird. Für Sportvereine besonders relevant ist ein dritter Aspekt, der von Riekmann unter dem Stichwort „Verbetrieblichung“ diskutiert wird: Sportvereine sehen sich mit der Konkurrenz durch Dienstleister wie Fitnessstudios konfrontiert und haben Schwierigkeiten, junge Mitglieder langfristig zu binden und für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Der Sport wird dann zu einem Produkt von Vereinen, das Vereinsleben und die alltäglichen Aushandlungsprozesse treten in den Hintergrund.

Vereinsprinzipien wie Freiwilligkeit, Mitgliedschaft und demokratische Strukturen im Ehrenamt dienen als Grundlage für ein demokratisches Erfahrungslernen in Sportvereinen. Foto: AdB

Ahlrichs (2019) bestätigt die Ergebnisse von Riekmann in einer Stuttgarter Studie und fügt den Ergebnissen den Aspekt der Verschulung hinzu. Durch die Kooperation von Vereinen mit der Schule entsteht das Problem, dass sich die Vereine dem Qualifizierungsdenken und der Bewertungslogik der Schule unterwerfen. Unter den untersuchten Jugendverbänden reklamieren die Sportvereine zudem eine Sonderrolle, da ihr Kern das Sporttreiben und die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in den Gremien demgegenüber nachrangig sei. In einer daran anschließenden Studie von Ahlrichs und Hoffmann (2022) beschreiben die befragten jungen Menschen ihre jeweiligen Vereine zwar als demokratische Erfahrungsräume, in denen Meinungen jenseits von Bewertungsdruck geäußert, Diskussionen offen geführt und Entscheidungen konsensorientiert getroffen werden können. Allerdings wird wiederum deutlich, dass Reflexionen dieser Demokratieerfahrungen in den befragten Vereinen fehlen.

Die Strukturen der Vereine fungieren als Ermöglichungs- und Bildungsraum: Sie bieten nicht nur Raum für Partizipation, sondern wirken auch bildend, indem demokratische Strukturen durch gemeinsames Handeln erlernt und gestaltet werden.

Fritz (2024) arbeitet auf der Grundlage seiner aktuellen Studie in britischen Sportvereinen heraus, dass für ältere Jugendliche Erfahrungen der Demokratie als Regierungsform durch Mitgestaltung von Gremien oder Vereinsentscheidungen möglich sind, für die sporttreibenden jüngeren Mitglieder dagegen nur Erfahrungen der Demokratie als Lebensform in ihren Teams. Dies scheint jedoch vor allem für den Breitensportbereich zu gelten: „Die größere Handlungsentlastung im Breitensport lässt mehr Spielraum, um politisch-weltanschauliche Themen zu diskutieren, und bringt auch für alltägliche Entscheidungen mehr Spielraum mit sich als der verbetrieblichte Leistungssport.“ (Ebd., S. 396)

Sportwissenschaftlich bestehen einige sozialwissenschaftliche und sportpädagogische Diskurslinien, die sich mit demokratischen Funktionen und demokratischer Partizipation in Sportvereinen auseinandersetzen (eine zusammenfassende Übersicht bietet Jaitner 2017). Die Studien thematisieren den Gegenstand aber zumeist aus innerorganisationalen Perspektiven (z. B. Organisationsentwicklung, Mitgliederbindung, sportliche Leistungsfähigkeit). Genuin demokratiebildend ausgerichtete empirische Zugänge sind bislang sehr selten. Studien zur leiblich vermittelten Demokratiebildung fehlen vollständig.

Ein prägnantes Beispiel für Projekte mit indirekten Berührungspunkten sind die Sportentwicklungsberichte, mit denen seit 2005 in wiederkehrenden Abständen die Situation der Sportvereine in Deutschland systematisch analysiert wird, um Entscheidungstragende im organisierten Sport bzw. in der Sportpolitik und -verwaltung mit empirisch gestütztem Argumentations- und Handlungswissen zu versorgen. Im Bereich „Bedeutung der Sportvereine für Deutschland“ wird dabei unregelmäßig ein Frageblock zur Demokratiefunktion von Sportvereinen integriert, in dem auch verschiedene strukturelle Beteiligungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten für Jugendliche thematisiert werden. Die Ergebnisse des aktuellen Sportentwicklungsberichts zeichnen ein recht ambivalentes Bild. Für die 8. Berichtswelle der Jahre 2020 bis 2022 weisen ein Drittel der Sportvereine Jugendvertretungen mit Sitz im Gesamtvorstand aus. Dieser Anteil ist im Vergleich zum Jahr 2013 signifikant rückläufig. In etwa einem Viertel der Vereine besteht eine von jungen Menschen gewählte Jugendvertretung. Bei knapp einem Drittel der Vereine haben junge Menschen ein Stimmrecht bei Hauptversammlungen. Etwas weniger als die Hälfte der Vereine bietet keinerlei spezifische Möglichkeiten der Jugendpartizipation. Auch dieser Anteil ist seit 2013 signifikant gewachsen (vgl. Breuer/Feiler 2021).

Nicht nur Anmut und Körperbeherrschung, sondern auch Vertrauen und Verlässlichkeit sind Voraussetzung für das Gelingen. Hier: Eröffnungsfeier der Special Olympics 2023 Foto: Engelbrecht Boese

Sehr explizit wird das demokratiebildende Potenzial von Sportvereinen dagegen sportpädagogisch von Quade et al. (2024) untersucht. Unter Rückgriff auf einen mehrdimensionalen demokratischen Partizipationsbegriff nach Eikel (2007) analysiert die Studie Möglichkeiten der Mitbestimmung, Mitsprache und Mitgestaltung im Sportverein aus der Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Interviews zeigen, dass Angebote für Beteiligungen mit und ohne direkten Sportbezug auf verschiedenen Ebenen in der Sportgruppe (z. B. mannschaftsinterne Posten, Öffnung von Besprechungsterminen zu Saisonzielen, Organisation von Mannschaftsterminen), der Sportsparte (z. B. Übungsleitung, Organisation von Spieltagen, Spartenleitung) oder im gesamten Verein (z. B. formale Ämter, Organisation von Vereinsfesten, Akquise von Fördergeldern) angesiedelt und grundsätzlich möglich sind. Die meisten Kinder und Jugendlichen finden über das aktive Sporttreiben als Mitglied in den Verein, wo auch die ersten Formen der Partizipation ausgeübt werden. Partizipationsmöglichkeiten in sportlichen Aktivitäten selbst (z. B. Taktikentscheidungen während des Wettkampfs) scheinen den Jugendlichen nur teilweise bewusst zu sein. Im Bereich der formalen Vereinsstrukturen sehen sich die Heranwachsenden verschiedenen Hürden ausgesetzt. Insbesondere im Bereich der Vorstandsarbeit gibt es oftmals feste Hierarchien und eine tradierte Vormachtstellung von älteren, langjährigen Vereinsmitgliedern.

Diskussion und Ausblick

Auch wenn Sportvereine über keinen explizit performativen pädagogischen Auftrag verfügen, müssen sie sich als eingetragene Vereine (e. V.) immer auch daran messen lassen, inwiefern bestimmten gesellschaftlichen Nutzenerwartungen und organisationalen Selbstansprüchen, spezifischen Gruppeninteressen und individuellen Bedürfnissen entsprochen wird (vgl. Balz et al. 2017). Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Beitrag demokratiebildende Potenziale und Herausforderungen von Sportvereinen aus der Perspektive von zwei wissenschaftlichen Disziplinen.

Die meisten Kinder und Jugendlichen finden über das aktive Sporttreiben als Mitglied in den Verein, wo auch die ersten Formen der Partizipation ausgeübt werden.

Auf einer theoretischen Ebene zeigt sich, dass die angesetzten wissenschaftlichen Perspektiven jeweils elaborierte Konzeptionen entwickelt haben, allerdings unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Sozialpädagogische Ansätze der „Hamburger Schule für Demokratiebildung“ richten den Blick stark auf die Verfassung und die Verfasstheit formaler Vereinsstrukturen, thematisieren die sportive Bewegungspraxis, d. h. den genuinen Vereinigungszweck der Sportvereine, aber kaum. Sportpädagogische Konzepte beziehen sich eher auf Beteiligungspotenziale verschiedenartiger Praxisräume in Sportvereinen oder thematisieren Möglichkeiten leiblich vermittelter demokratischer Erfahrungen im gemeinsamen Sich-Bewegen, sind teilweise allerdings nur implizit demokratie- oder gesellschaftstheoretisch informiert. Die disziplinären Perspektiven standen lange Zeit unbeachtet nebeneinander. Gegenwärtig scheinen diese zumindest anteilig wahrgenommen und rezipiert zu werden (vgl. z. B. Fritz 2024, S. 87 ff.). Ernst gemeinte explizite multi- oder gar interdisziplinäre Ansatzpunkte in gemeinsamen Forschungsprojekten, Publikationsvorhaben oder Tagungen fehlen bislang. Genau diese bieten allerdings eine lohnenswerte Möglichkeit, um die blinden Flecken der jeweils eigenen disziplinären Herangehensweisen zu reflektieren und (somit) die demokratiebildenden Potenziale und Herausforderungen von Sportvereinen noch umfassender und tiefgehender wissenschaftlich zu verstehen.

Aus empirischer Perspektive wird disziplinübergreifend deutlich, dass Sportvereine auf unterschiedlichen Ebenen vielfältige Möglichkeiten für demokratische Partizipation und Demokratiebildung bieten können. Gleichzeitig zeigen die sozialpädagogischen und sportwissenschaftlichen Studien zu demokratiebildenden Strukturen und Aktionsformen doch recht einmütig auf allen beforschten Ebenen Diskrepanzen zwischen Möglichkeiten und Wirklichkeiten bzw. Selbstbild und Realität. Insbesondere im Bereich formaler Strukturen und in der konkreten Trainings- und Wettkampfpraxis scheinen sich hier Möglichkeitsräume zu bieten, um die strukturgebenden Vereinsprinzipien stärker zu leben und Heranwachsende im Sport fragloser als gleichberechtigte Mitglieder derjenigen Angelegenheiten, von denen sie betroffen sind, zu beteiligen.

Zu den Autoren

Prof. Dr. Rolf Ahlrichs, Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Fachbereich Soziale Arbeit
R.Ahlrichs@eh-ludwigsburg.de
Prof. Dr. David Jaitner, Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Pädagogik und Philosophie, Abteilung Pädagogik
d.jaitner@dshs-koeln.de

Literatur

Ahlrichs, Rolf (2019): Demokratiebildung im Jugendverband. Weinheim: Juventa
Ahlrichs, Rolf/Fritz, Fabian (2021): Sportvereine als Orte von politischer Bildung und Demokratiebildung. Ein Plädoyer für eine demokratiebildnerische Perspektive auf Sportvereine auf der Grundlage von Ergebnissen ausgewählter empirischer Befunde. In: Forum Kinder- und Jugendsport 02/2021, S. 6–14
Ahlrichs, Rolf/Hoffmann, Stefan (2022): Demokratische Partizipation in der Jugendverbandsarbeit. Baden-Baden: Nomos
Ahlrichs, Rolf/Maykus, Stephan/Richter, Elisabeth/Richter, Helmut/Riekmann, Wibke/Sturzenhecker, Benedikt (2021): Demokratiebildung im 16. Kinder und Jugendbericht – kritische Kommentare aus Sicht demokratischer Kinder- und Jugendarbeit. In: deutsche jugend 10/2021, S. 426–440
Balz, Eckart/Bindel, Tim/Kuhlmann, Detlef (2018): Pädagogische Erwartungen an den Sportverein. In: Jaitner, David/Körner, Swen (Hrsg.): Soziale Funktionen von Sportvereinen: revisited. Berlin: lehmanns media, S. 57–72
Breuer, Christoph/Feiler, Svenja (2021): Sportvereine in Deutschland. Ergebnisse aus der 8. Welle des Sportentwicklungsberichts für Deutschland 2020–2022 – Teil 1; https://cdn.dosb.de/user_upload/Sportentwicklung/Dokumente/SEB/2022/SEB_Bundesbericht_W8_deutsch_bf.pdf (Zugriff: 13.12.2024)
Delto, Hannes/Zick, Andreas (2021): Vereinssport in rechtsextremer und menschenfeindlicher Gesellschaft. In: Zick, Andreas/Küpper, Beate (Hrsg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21. Bonn: Dietz, S. 130–139
Derecik, Ahmet/Menze, Lorena (2018): Gelingende Partizipation in der Sportpraxis. Erforderliche Kompetenzen und Prozesse. Frankfurt am Main: dsj
Deutscher Bundestag (2020): Kinder- und Jugendbericht – Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter (Drucksache 19/24200). Berlin: BMFSFJ
Deutscher Olympischer Sportbund (2024): Bestandserhebung 2024; www.dosb.de/medienservice/statistiken (Zugriff: 13.12.2024)
Deutscher Olympischer Sportbund/Deutsche Sportjugend (2020): Klare Haltung für eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft; www.dsj.de/news/rechtspopulismus (Zugriff: 13.12.2024)
Dewey, John (2011/1916): Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim: Beltz (8. Auflage)
Eikel, Angelika (2007): Demokratische Partizipation in der Schule. In: Eikel, Angelika/de Haan, Gerhard (Hrsg.): Demokratische Partizipation in der Schule. Ermöglichen, fördern, umsetzen. Schwalbach: Wochenschau Verlag, S. 7–42
Feiler, Svenja/Breuer, Christoph (2023): Deutschland: Sportvereine als wichtige Akteure der Zivilgesellschaft. In: Nagel, Siegfried/Elmose-Østerlund, Karsten/Ibsen, Bjarne/Scheerder, Jeroen (Hrsg.): Funktionen von Sportvereinen in europäischen Gesellschaften: Eine länderübergreifende vergleichende Studie. Cham: Springer International Publishing, S. 133–165
Fritz, Fabian (2024): Jugendarbeit und Demokratiebildung in non-profit „Community Owned Sports Clubs“ des englischen Fußballs. Ein partizipatives Forschungsprojekt mit Kindern, Jugendlichen und Jugendarbeiter*innen. Weinheim: Juventa
Habermas, Jürgen (2015/1962): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp (14. Auflage)
Heinemann, Klaus/Horch, Heinz-Dieter (1981): Zur Soziologie der Sportorganisation. In: Sportwissenschaft 02/1981, S. 123–150
Jaitner, David (2017): Sportvereine als „Schulen der Demokratie“? Eine pragmatistische Perspektive. Berlin: lehmanns media
Langewiesche, Dieter (2000): Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. München: Beck
Quade, Sarah/Barkemeyer, Lorena/Neuber, Nils (2024): Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Sport – eine explorative Interviewstudie zum demokratiebildenden Potenzial von Sportvereinen. In: Forum Kinder- und Jugendsport 05/2024, S. 170–177
Ratzmann, Alexander/Gaum, Christian (2024): Bewegte Konsensfindung – eine erfahrungstheoretische Figur fachlicher Demokratiebildung im Bewegungs- und Sportunterricht. In: Beutel, Wolfgang/Gloe, Markus (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik & Demokratiebildung. Bd. 2: Konflikte. Gesellschaft und Politik demokratisch gestalten. Frankfurt am Main: debus Pädagogik, S. 187–205
Richter, Elisabeth/Richter, Helmut/Sturzenhecker, Benedikt/Lehmann, Teresa/Schwerthelm, Moritz (2016): Bildung zur Demokratie. Operationalisierung des Demokratiebegriffs für pädagogische Institutionen. In: Knauer, Raingard/Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim: Juventa, S. 106–129
Richter, Helmut (2022): Sozialpädagogik in Geschichte und Gegenwart. Demokratiebildung aus historischer und systematischer Perspektive. Baden-Baden: Nomos
Richter, Helmut/Sturzenhecker, Benedikt/Maykus, Stephan (2016): Wo wird Mensch Demokrat? Anfragen zur Demokratiebildung in (Sport-)Vereinen. In: Neue Praxis: Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik 06/2016, S. 603–611
Riekmann, Wibke (2011): Demokratie und Verein. Potenziale demokratischer Bildung in der Jugendarbeit. Wiesbaden: Springer
Tocqueville, Alexis de (2016/1835): Über die Demokratie in Amerika. Stuttgart: Reclam