Außerschulische Bildung 4/2024

Christine M. Klapeer/Johanna Leinius/Franziska Martinsen/Heike Mauer/Inga Nüthen (Hrsg.): Politik und Geschlecht

Perspektiven der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung

Opladen/Berlin/Toronto 2024
Verlag Barbara Budrich, 274 Seiten
 von Anja Dargatz

Diskussionen um Geschlechterfragen sind aus den aktuellen Aufreger-Debatten kaum wegzudenken, sei es die „Verstümmelung der Sprache“, sei es die „Gefahr einer Frühsexualisierung von Kindern“ oder auch ernstgemeinte gesellschaftliche Diskussionen, wie sich geschlechtliche Vielfalt in Gesellschaft, Politik und Bildung leben und abbilden lässt. Auch in der Realität der politischen Bildung ist Geschlechtersensibilität sicherlich immer noch ausbaufähig, aber im Kern doch angekommen. Umso sehr verwundert es, wenn die Herausgeberinnen dieses Handbuches „Rezeptionssperren und Vorbehalte“ (S. 11) innerhalb der Politikwissenschaft gegenüber dem Forschungsfeld Politik und Geschlecht konstatieren. Ausgerechnet in der Wissenschaft, die Geschlechterfragen besonders nahestehen sollte, da Macht- und Herrschaftsfragen unmittelbar mit Geschlechtszugehörigkeit verknüpft sind, gibt es laut Herausgeberinnen eine besonders geringe Zahl an Professuren, sind Lerninhalte zu Geschlechterfragen nicht systematisch verankert und fehlen entsprechende Bezüge in der Einführungsliteratur.

Diesem Missstand will dieser Band begegnen. Er gibt eine Einführung in den aktuellen Forschungsstand der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung: mit a) einem kritischen Blick auf die Disziplin selbst, b) einem Überblick über aktuelle Konzepte und Theorien und c) einem Überblick über ausgewählte Themen- und Politikfelder. Die dargestellten Ansätze sind dekolonial, intersektional und vertreten queer-feministische Perspektiven. Aus Sicht der politischen Bildung ist der Artikel von Michael Hunklinger sehr interessant. Er fordert, empirische Wahlumfragen um die Abfrage der Geschlechteridentität und sexuellen Verortung zu ergänzen. Das würde ermöglichen, das Wahlverhalten der LGBTQ*-Community sichtbar zu machen. Ebenfalls thematisch relevant, aber leider sehr allgemein, ist der Beitrag von Elia Scaramuzza zur Auseinandersetzung mit Geschlecht in der Fachdidaktik der politischen Bildung. Die Relevanz wird zwar seit Jahrzehnten betont, aber anscheinend hinkt hier die Wissenschaft der Praxis hinterher (und die schulische politische Bildung wiederum der außerschulischen).

In drei Beiträgen wird die Intersektionalität von Geschlecht, Rasse und Klasse um die Kategorie Ökologie erweitert: Queer-Ecologies lösen die Sorge-Arbeit – und damit den Kern einer nicht-ausbeuterischen Wirtschaft – aus der Mutter-Natur-Reproduktions-Erzählung heraus: „Ressourcenpolitik statt Feminisierung der Umweltverantwortung“ (S. 136, Christine Bauhardt). Auch die Debatte um „hegemoniale bzw. politische Männlichkeiten“ wird aufgegriffen und knüpft an den aktuellen Diskurs um masculinities und Antifeminismus an.

Aber auch bekannte und deshalb nicht weniger relevante Politikfelder sind repräsentiert: Herausforderungen für den institutionalisierten Feminismus in Form von Gleichstellungsbeauftragten, der weltweite gewerkschaftliche Kampf um Rechte von Hausangestellten (ein wunderbares Beispiel, wie sich Menschen eines Geschlechts auf Grund von Klasse und Rasse diametral gegenüberstehen können) oder auch die Darstellung des Femizids als Konzept, das die Besonderheiten und Facetten dieser extremen Form von Gewalt gegen Frauen darstellt (Güneş Koç).

Grade weil sich das Handbuch ausdrücklich queer-feministisch verortet, fällt auf, dass der Konflikt zwischen einer trans-/queer-freundlichen und einer trans-exklusiven Bewegung in keiner Weise erwähnt wird. Vielleicht ist es kein wissenschaftlich-relevantes Thema, im gesellschaftspolitischen Engagement schon. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit, dies nachzureichen. Denn: Der gedruckte Band ist lediglich der Auftakt eines umfassenden Open-Access-Projekts zu dem im Moment des Verfassens dieser Rezension ein Call for contributions läuft. So lässt sich hoffnungsvoll dauerhaft und immer aktuell der Lücke in Sachen der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung begegnen (https://budrich.publisso.de/en/publisso_gold/publishing/books/overview/6).

Der Mehrwert des Bandes für die politische Bildung? Als wissenschaftliches Werk ist es nicht seine Aufgabe, praktische Hilfestellung für den Alltag einer politischen Bildnerin zu geben. Aber er liefert jede Menge Wissen, Anregungen und sehr viel Stoff zum Weiterlesen, um sich selbst fortzubilden und bestehende Angebote weiterzuentwickeln. Mit einem „Abstract“ am Anfang jeden Beitrags, einem „Fazit“ am Ende und viel weiterführenden Literaturhinweisen ist das Buch übersichtlich strukturiert und eine Fundgrube – auch für ein Seminar mit Gleichstellungsbeauftragten, einen Workshop zu Care-Arbeit oder einem Schulprojekt zu nachhaltigem Wirtschaften.

Anja Dargatz leitete seit 2016 das Fritz-Erler-Forum, das Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Baden-Württemberg. Seit Sommer 2024 hat sie für die FES einen Auslandsdienst übernommen.