Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit
Wochenschau Verlag, 192 Seiten
Wer geübt im Antragsprosa ist, der*dem wird bekannt sein, dass sogenannte Buzzwords, also Schlagwörter die in der Ausschreibung verwendet wurden, auch reproduziert werden müssen. Denn so könnte in einem Antrag zu Jugendbeteiligung der Satz „Partizipation ist uns dabei wichtig“ schon ausreichend sein, um ein Häkchen auf der Bewilligungs-Checkliste zu erhalten. Eine Begründung oder ein wissenschaftlicher Bezug wären Nebensache. Diese skizzierte Absurdität könnte egal sein, wenn der Antrag bewilligt wird – so könnte pragmatisch angenommen werden. Kann es aber nicht, da die Umdeutungen auch Einfluss auf die Debatten in Profession und Wissenschaft haben: „Ein inflationärer Gebrauch von Buzzwords führt mitunter dazu, dass sie zu hohlen Phrasen verkommen, dass die in ihnen verdichteten Konzepte oder Programme keiner Reflexion mehr zu bedürfen scheinen. (…) Doch in krisenhaften, polarisierten Zeiten (…), ist die Reflexion über die zugrundeliegenden Schlüsselbegriffe mehr denn je eine ernsthafte Voraussetzung dafür, fachliche Schlüsse zu ziehen.“ (S. 7) Daher wurde in Ausgabe 02/2023 der Zeitschrift „Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit“ der Schwerpunkt „Buzzwords“ gesetzt. Es geht u. a. um Begriffe wie Extremismus, Mitte, Zivilgesellschaft, Prävention, Diversität, Solidarität.
Die Buzzwords werden von den Autor*innen aus Praxis und/oder Wissenschaft reflektiert und Ursprung, Implikationen, Verwendungen und Effekte erläutert. Der Anteil an wissenschaftlicher Perspektive ist etwas höher als aus der Praxis. Die Artikel sind von der Seitenanzahl her knapp bemessen, vom Grad der Inhaltsdichte allerdings nicht. Daher wird im Folgenden auf die Auseinandersetzungen mit nur zwei Buzzwords eingegangen.
Die Artikelstruktur mit Ursprung, Implikationen, Verwendungen und Effekte zeigt sich bspw. in den zwei Artikeln zu „Bildung“ (S. 17 ff.) von Susanne Maurer und Carsten Bünger, beide in Vertretung der Wissenschaft, deutlich.
Den Ursprung des heutigen Bildungsbegriffs erkennen beide in der Zeit der Aufklärung an. Hieraus ergibt sich Bildung im Ursprung ohne Zielvorgabe als Selbstentfaltung des Menschen. Das „Diktat des Fortschritts“ produziert im Nachgang kritische Gegenentwürfe zum sich veränderten Bildungsideal. Beide Autor*innen weisen darauf hin, dass die fortführende abstrakte Verwendung, wie durch die Postulierung von Bildung als ein universelles Menschenrecht (das in der Realität nicht für alle gilt), angeführt wird oder Bildung als Antwort auf jedes aus den gesellschaftlichen Verhältnissen entstehendes Problem auf das Individuum und seine eigenverantwortliche Anpassungskompetenzen übertragen wird (nächstes Buzzword: Resilienz), die tatsächlichen sozialen Ungleichheiten individualisiert und reproduziert werden. Als Schlussfolgerung verweist Maurer auf die Bildungsmöglichkeiten, die sich durch Selbstentfaltung/-verwirklichung ergeben, wenn diese gegen eine Instrumentalisierung verteidigt werden. Bünger plädiert dafür, Bildung neu zu denken.
Deborah Krieg stellt aus Sicht der Praxis das Buzzword „Diversität“ vor, das nahezu analog mit „Vielfalt“ gleichgesetzt wird und positiver als „Migration“ besetzt ist. Sie behandelt dabei exemplarisch an einer realen Situation, wie die Hervorhebung von Diversität Othering als Effekt hat. Sie geht näher auf das Spannungsfeld von Dekonstruktion und Reproduktion von Normativitätsvorstellungen ein, die häufig Differenzkategorien von Diskriminierungserfahrungen ausblenden. Ähnlich wie im vorherige Beispiel rät Deborah Krieg davon ab, rein utopisch-affirmative Postulate oder Slogans herauszugeben: „Wer Vielfalt feiert und Diskriminierung ausblendet, versteht sich als Teil der Lösung und wird zum Teil des Problems.“ (S. 43) Umso mehr von Diskriminierung betroffene Personen handelnde Akteur*innen werden, umso mehr werden Diskriminierung, Dominanz, Repräsentanz diskutiert und diskriminierungskritische Grundhaltungen reflektiert/weiterentwickelt, der Blick auf Vielfalt und Unterschiedskategorien geweitet. Leider bleibt hier die Sicht aus der Wissenschaft und damit die Transparenz darüber aus, ob es sich bei Diversität um einen in der Wissenschaft tatsächlich genutzten oder ebenso kritisch betrachteten Begriff handelt.
Es ist tatsächlich bedauerlich, dass nicht jeder Begriff aus beiden Sichtweisen beschrieben wird. Bei den Buzzwords, bei denen die Sichtweisen von Praxis und Wissenschaft gegeben sind, ergänzen sie sich mitunter hervorragend – was eigentlich nur belegt, dass die Praxis der politischen Bildung eine wissenschaftsgeleitete Profession ist.
Da es sich hierbei um eine Zeitschrift handelt, folgen auf den „Schwerpunkt“ der Buzzwords noch das „Forum“, mit passenden Artikeln zum Schwerpunkt der Ausgabe, ein „Marktplatz“ und drei anschließende Buchbesprechungen.