Außerschulische Bildung 4/2024

Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Archiv für Sozialgeschichte

Rechtsextremismus nach 1945 (Band 63)

Bonn 2023
J.H.W. Dietz Nachf., 656 Seiten
 von Norbert Reichel

Der Band hat den Umfang eines Handbuchs oder Nachschlagewerks, aber den Charakter einer Zeitschrift. Er enthält 20 Texte, einen allerdings zu einem anderen Thema, der Sicherheit der Wasserversorgung. Zum Schluss gibt es deutsch-, englisch- und französischsprachige Zusammenfassungen, ein Verzeichnis von Rezensionen, die auf der Internetseite der Stiftung abrufbar sind, sowie Biographien der 23 Autor*innen. Unter den Autor*innen sind leider nur vier Frauen und nur drei mit dem sogenannten Migrationshintergrund.

Einiges fehlt: Es gibt keinen eigenen Beitrag zum Thema Antisemitismus und zu dessen Aktualität als israelbezogener Antisemitismus. Es fehlt ein jeweils eigener Beitrag zur Frauen- sowie zur Queerfeindlichkeit rechter und rechtsextremer Parteien und Gruppierungen. Die Leipziger Autoritarismusstudie hatte den Anti-Feminismus als „Brückenideologie“ der Neuen Rechten bezeichnet. Der Beitrag von Sebastian Bischoff zum Thema „Pornowelle“, die nicht nur von feministischer Seite, sondern auch von rechts bekämpft wurde, kompensiert dies nicht, so interessant er natürlich ist. Zum Thema der Diskriminierung und Rassifizierung von migrantisch gelesenen Menschen gibt es den ausgezeichneten Beitrag von Vojin Saša Vukadinović unter dem Titel „Rassistisches Wissen 1978–1983 – Der vergessene migrantische Beitrag zur frühen Rechtsextremismusforschung“.

Einen Ausblick auf andere Länder und migrantische Communities in Deutschland bieten die Texte von Frank Schauff (Spanien 1933–1936), von Caner Tekin („Graue Wölfe“ und die Reaktionen linker türkeistämmiger Migrant*innenorganisationen und Gewerkschaften bis 1980), von Massimiliano Livi über die extreme Rechte in Italien von den 1970er Jahren bis heute. Neben dem Spanientext gibt es zwei weitere Texte zur Vergangenheit vor 1945, von Benjamin Zieman zum Aprilstreik 1917 und von Fabian Rausch zur französischen Verfassungsgeschichte 1814–1851.

Auf den ersten Blick ist es schwer, einen roten Faden zu finden. Hier hätte ein Register geholfen. Im einleitenden Text von Knud Andresen, Thomas Grossbölting und Kirsten Heinsohn zur „Gesellschaftsgeschichte der extremen Rechten“ wird betont, dass es in dem Band – sinngemäß – um exemplarisch zu lesende Fallstudien geht, die genutzt werden können, um heutige Entwicklungen besser zu verstehen: „Eine Gesellschaftsgeschichte der extremen Rechten sollte die historisch differenten Erscheinungsformen dieses politischen Feldes ebenso analysieren wie den Wandel seiner sozialen Basis.“ (S. 11) Diesen Anspruch löst der Band ein, auch mit historischen Beiträgen zu verschiedenen rechten Organisationen, in den Beiträgen von Moritz Fischer und Mark Tändler zu Schönhubers Republikanern, von Sebastian Lotto-Kusche zu den sogenannten Reichsbürgern. Antifaschistische Reaktionen kommen ebenfalls zur Sprache, im Beitrag von Ulrike Löffler zu den späten 1970er Jahren, in dem von Yves Müller zu dem profilierten „Anti-Nazi“ Kurt Hirsch und seiner „Demokratischen Aktion“ 1968–1983.

Es geht in den Beiträgen nicht „um die juristische Frage der Verfassungsfeindschaft oder einer Extremismustheorie“. Eindeutig sei: „Die extreme Rechte zielt auf eine homogen und völkisch verstandene Nation, die den Ausschluss von als Nichtzugehörige bezeichneten Personen und Gruppen fordert. In modernen Einwanderungsgesellschaften ist dieses Ziel nur gewaltsam zu erreichen. Diese Bewegung versteht sich transnational nur im Sinne einer vermeintlich weißen Rasse.“ (S. 19) Zitiert wird Samuel Salzborn, der zwischen (fest gefügt-dauerhaftem) „Weltbild“ und (möglicherweise revidierbaren) „Einstellungen“ unterscheidet (S. 17). In den Beiträgen geht es dementsprechend um die Bedeutung rechtsextremer Ereignisse, Kongresse, Inszenierungen und deren Resonanzräume, für die die Regierungsbeteiligung der Alleanza Nazionale ein treffendes Beispiel sei. Italien und DDR verbinde – so Massimiliano Levi – ein antifaschistischer Konsens (S. 69), der sich inzwischen jedoch zumindest relativiert hat, sofern es ihn in der Vergangenheit überhaupt je gegeben hat. Dazu äußert sich Johannes Schütz in seinem Beitrag zur DDR: „Rassistische Gewalt war ein verbreitetes Phänomen in der späten DDR – in den Akten lassen sich Hunderte Gewaltereignisse finden, gerade in den späten 1980er Jahren kam es nahezu wöchentlich zu Gewalthandlungen.“ Janosch Steuwer stellt ganz allgemein für das Jahr 1980 fest, es gehe nicht nur um „unterschiedliche Bedrohungseinschätzungen, sondern ebenso (um) konträre Vorstellungen über das zur Debatte stehende Phänomen selbst.“ (S. 59)

In einer Rezension lassen sich von der Vielfalt der Beiträge nur einige Schlaglichter sichtbar machen. Aber der Band hat den Vorteil, dass man mit jedem Beitrag beginnen kann zu lesen und sehr schnell erfährt, wie die Dinge zusammenhängen. Die Botschaft: Es ist nichts Neues, aber ein Blick in die Geschichte lässt Kontinuitäten und Brüche erkennbar werden. Der rote Faden entsteht somit – ungeachtet der vermerkten Lücken – in den Leser*innen.

Norbert Reichel ist promovierter Literaturwissenschaftler und Pädagoge. Er betreibt das Internetmagazin „Demokratischer Salon: Argumente zur historisch-politischen Bildung“ (www.demokratischer-salon.de).