Vorab – die Vorwahl
Der Begriff „Spaß“ mag in diesem Kontext etwas inflationär verwendet werden, ähnlich wie das Etikett „nachhaltig“ in vielen Bereichen. Es ist möglich, mit einem als besonders nachhaltig eingestuften Auto in ein als nachhaltig geltendes Kaufhaus zu fahren, um dort einen als umso nachhaltiger betrachteten Kühlschrank zu erwerben. Dies wird oft unter dem Begriff „Grünes Wachstum“ subsumiert, während in der Realität wenig Veränderung stattfindet, weder auf persönlicher Ebene noch in Bezug auf die gesellschaftlichen Strukturen oder das Wirtschaftssystem.
Es ist mittlerweile vielen bewusst, dass diese Herangehensweise weder wirklich nachhaltig ist noch die Klimakrise effektiv bekämpft. Dennoch besteht im Bereich der Nachhaltigkeit oft eine Diskrepanz zwischen den Absichten (Intention) und dem tatsächlichen Verhalten (Behavior), die überwunden werden muss.
Es liegt mir fern, den Ansatz, den wir in der Villa Fohrde verfolgen, als die ultimative Lösung darzustellen. Stattdessen hoffe ich, dass die Ideen, die wir umsetzen, inspirierend für die eigene Bildungsarbeit sein können. Unser Ziel ist es, Wissen über Nachhaltigkeit nicht nur zu vermitteln, sondern auch kreativ und vielleicht sogar unterhaltsam zu gestalten. Durch die Verbindung von Bildungsinhalten mit ansprechenden und erlebnisorientierten Methoden möchten wir dazu beitragen, den Intention-Behavior-Gap im Bereich der Nachhaltigkeit zu überwinden und die Teilnehmer*innen für diese drängende Thematik zu sensibilisieren.
Kontext – das Freizeichen
Seit einigen Jahren positioniert sich die Bildungsstätte Villa Fohrde konsequent als nachhaltige Institution. Dieser Ansatz erstreckt sich über sämtliche Bereiche unserer Arbeit, und wir legen großen Wert darauf, dass er nicht nur in den Seminarthemen, sondern auch in den Räumen, Zimmern, auf dem Gelände und sogar schon beim Informationsbrief an die Teilnehmer*innen durchdacht wird.
Nachhaltigkeit muss als integraler Bestandteil des Bildungskonzepts etabliert werden, wodurch nicht nur das Bewusstsein für Umwelt- und Sozialthemen geschärft wird, sondern auch ein Beitrag zu einem nachhaltigeren Denken und Handeln der Teilnehmer*innen erfolgt.
Unsere Zielsetzung geht darüber hinaus, bloß Seminarteilnehmer*innen anzusprechen. Vielmehr möchten wir den Wirkungskreis unserer nachhaltigen Bemühungen erweitern und auch unsere Gastgruppen mit Bildungsimpulsen erreichen. Dies ermöglicht es, einen größeren Einfluss auszuüben und Bildung über diejenigen hinaus zu vermitteln, die sich direkt für Seminare anmelden. Selbst bei „klassischen“ Chorwochenenden integrieren wir deshalb im Hintergrund Ideen und Aspekte der Nachhaltigkeit. Hierbei ist es von besonderer Bedeutung eine Balance zu finden, indem wir nicht zu aufdringlich werden und den Menschen stattdessen eher subtile Angebote machen, anstatt sie mit übermäßigen Informationen zu überfrachten.
Diese Herangehensweise ermöglicht es uns, Nachhaltigkeit als einen integralen Bestandteil unseres Bildungskonzepts zu etablieren, wodurch nicht nur das Bewusstsein für Umwelt- und Sozialthemen geschärft wird, sondern auch ein Beitrag zu einem nachhaltigeren Denken und Handeln unserer Teilnehmer*innen erfolgt.
Methoden und Ideen – das Gespräch
Die Umsetzung des Casual Learning-Ansatzes wird durch konkrete Beispiele besonders greifbar. Ein beeindruckendes Beispiel auf dem Gelände der Villa Fohrde ist die ausrangierte orangene Notrufsäule. Diese wurde mit einem Bewegungsmelder ausgestattet, der aktiviert wird, sobald ein Gast daran vorbeigeht. Die Notrufsäule beginnt dann zu klingeln, und der neugierig gewordene Gast wird dazu eingeladen, den Hörer abzuheben.


Anstatt des erwarteten Notrufsignals ertönt nun eine vorher hinterlegte Sounddatei. Beispielsweise ist dies die Botschaft der Klima-Aktivistin Vanessa Nakate: „Worte reduzieren keinen CO2-Verbrauch. Ihr müsst handeln.“ Vanessa Nakate in ihrer Rede zur Verleihung des Helmut-Schmidt-Zukunftspreises 2022 Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, jede andere relevante Sounddatei zu verwenden. Die Notrufsäule dient somit nicht nur als unkonventioneller Gesprächseinstieg, sondern auch als Mittel, um Themen wie Klimaschutz in den Fokus zu rücken.
Interessanterweise wird diese ungewöhnliche Einrichtung nicht nur von begeisterten Gästen genutzt, sondern auch von solchen, die möglicherweise genervt sind, ein Notrufsignal wegen einer „Klimasache“ auszulösen. Dies führt jedoch genau zu dem gewünschten Effekt: Es entsteht eine Diskussion, oft spontan und ungezwungen, über Themen wie Umweltschutz und nachhaltiges Handeln. Durch diese subtile Herangehensweise wird das Bewusstsein geschärft und gleichzeitig Raum für informelle Gespräche geschaffen, die auf eine natürliche Weise zur Reflexion und Diskussion anregen.
Weitere solch kleine Methoden sind auf dem Gelände „versteckt“. Es ist faszinierend, mit kreativen und nachhaltigen Ansätzen die Gästeerfahrung zu bereichern. Der umgebaute Kaugummi-Automat, der es den Gästen ermöglicht, sich von ihren CO2-Sünden freizukaufen, verbindet auf originelle Weise spielerische Elemente mit Umweltbewusstsein. Die Idee der Wäscheleine mit Postkarten, die Nachhaltigkeits-Dilemmata präsentieren, schafft nicht nur eine visuell ansprechende Darstellung, sondern lädt auch dazu ein, sich mit den Herausforderungen der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Dies kann sicherlich zu interessanten Gesprächen und Reflexionen unter den Teilnehmer*innen führen.
Besonders beeindruckend ist die Individualität der Gästezimmer mit verschiedenen Themen, die von Wasser über Vielfalt bis zum Kaffeezimmer reichen. Diese Themenvielfalt regt nicht nur dazu an, die Zimmer als persönlichen Rückzugsort zu gestalten, sondern fördert auch den Austausch zwischen den Teilnehmer*innen. Das Beobachten von begeisterten Erzählungen am Frühstückstisch über die einzigartigen Merkmale der jeweiligen Zimmer schafft eine einladende Atmosphäre und stärkt die Gemeinschaft.
Insgesamt sind die Themenzimmer eine wunderbare Möglichkeit, die Individualität der Zimmer zu betonen und gleichzeitig thematische Akzente zu setzen, was zweifellos zu einer bereichernden Erfahrung für die Gäste beiträgt.
Was klappt? Wo hängt‘s? – das Funkloch
Viele unserer Ideen sind mit einer aufwendigen Liebe zum Detail umgesetzt worden. In diesem Prozess sollten wir jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass unsere Gäste und Teilnehmer*innen in erster Linie aus anderen Gründen zu uns kommen. Ihre Hauptmotivation besteht darin, ihr Seminar zu erleben, Zeit mit ihrem Chor zu verbringen oder einfach nur entspannt den Blick auf die Havel zu genießen. Trotz unserer Bemühungen, Mitmachaktionen zu fördern, ist es wichtig zu erkennen, dass es manchmal schwierig sein kann, diese zu forcieren.
Je unkomplizierter und intuitiver eine Aktion ist, desto eher sind die Gäste geneigt, sich daran zu beteiligen.
Eine interessante Erkenntnis dabei ist, dass einfache Mitmachaktionen, wie das Anpinnen des eigenen Anreiseorts auf einer Karte im Mobilitätszimmer, eher zur Teilnahme der Gäste führen. Je unkomplizierter und intuitiver eine Aktion ist, desto eher sind die Gäste geneigt, sich daran zu beteiligen. Andererseits zeigt sich, dass Aktionen und Angebote, die nicht sofort verständlich sind oder einer Erklärung bedürfen, möglicherweise von den Gästen ignoriert werden. Daher ist es wichtig, sicherzustellen, dass unsere Initiativen und Angebote auf den ersten Blick erkennbar und leicht verständlich sind, um die Teilnahmebereitschaft unserer Gäste zu maximieren.
Umsetzungskosten – die Telefonrechnung
Für die Beschaffung und Realisierung der geplanten Maßnahmen haben wir entsprechende Projektmittel erfolgreich beantragt. Die finanzielle Unterstützung belief sich insgesamt auf etwa 10.000 Euro, die für die Umsetzung verschiedener Aspekte wie Themenzimmer, Notrufsäulen und andere kleinere Details vorgesehen waren. Es besteht jedoch die Möglichkeit, mit einem geringeren Budget ebenfalls kleinere innovative Impulse zu setzen.
Neben den Herausforderungen in der Start- und Anschaffungsphase stellt sich, wie oft üblich, die langfristige Betreuung als anspruchsvoll heraus. Wer übernimmt regelmäßig die Verantwortung dafür, sicherzustellen, dass beispielsweise das Regenbogenpuzzle vollständig ist? Wer kümmert sich darum, dass das Photovoltaik-Modul der Notrufsäule kontinuierlich funktioniert? Je nach Teamkonstellation könnten solche Aufgaben potenziell von Freiwilligen übernommen werden, doch auch diese müssen zunächst gefunden werden. Es gilt, einen nachhaltigen Mechanismus für die Pflege und Überwachung der implementierten Maßnahmen zu etablieren.
Zum Autor

daniel.wunderer@villa-fohrde.de
Literatur – die Mailboxaufnahme
Passend zu unseren „Nebenbei-Methoden“ sind die Literaturempfehlungen Podcasts, die gut auf dem Weg zur Arbeit, zum Seminar oder auch zu Hause gehört werden können: