Historisch-politische Bildung zwischen Kontroversitätsprinzip und demokratischen Grundwerten
Im Jahr 2018 wurde das Projekt „Venues of Victims // Venues of Perpetrators. Mapping, Decoding & Processing the Role of Historical – civic education in (European) Youth Work“ von der Stiftung „Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar“ (EJBW) und seinen internationalen Partnern erfolgreich umgesetzt (vgl. Stamenić/Rebitschek 2019, S. 41 ff.). Das einjährige Projekt mit fünf Veranstaltungen europaweit wurde in enger Kooperation mit Gedenkstätten, Museen, Forschungs- und Jugendbildungseinrichtungen aus zwölf europäischen Ländern durchgeführt. Die Projektaktivitäten folgten der Leitidee, die (National-)Geschichte der besuchten Länder aufzugreifen, um nicht nur die einzelnen Geschichtsereignisse, ihre Deutungen und erinnerungskulturellen Repräsentationen dem internationalen Teilnehmendenkreis auf verständliche und spannende Weise beizubringen, sondern auch übertragbare Erfahrungen und Einsichten zu ermöglichen, die zur historisch-politischen Bildung der Teilnehmenden beitragen.
Im Laufe des Projektes wurde festgestellt, dass das Thema der Diktaturen im Nachkriegseuropa auf das größte Interesse der Teilnehmenden stieß. Das Interesse war vor allem unter den jungen Menschen aus Ländern Mittelosteuropas sowie aus Portugal und Spanien bemerkbar, welche die länderübergreifenden Parallelen bezüglich der Themen Diktaturerfahrung, Diktaturüberwindung und Diktaturaufarbeitung gut aufgreifen konnten. Demnach wurde entschieden, die Thematik einer zweiten Projektphase auf die diktatorialen Ordnungen in Mittelost- und Südeuropa nach 1945 zu richten.
Nach mehreren durch die Covid-19-Pandemie bedingten Verschiebungen fand der Projektauftakt Ende 2021 in Ljubljana statt. Die Hauptstadt Sloweniens bot die Möglichkeit für den inhaltlichen Einstieg in die Auseinandersetzung mit verschiedenen Facetten der Geschichte des sozialistischen Jugoslawiens (1945–1991). Das gleiche Thema stand im Fokus eines Sommercamps in Kroatien. Dazwischen fand ein Trainingskurs in Weimar statt, dessen Bestandteil ein Besuch der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt war, um den Teilnehmenden ein Beispiel guter Praxis der Diktaturaufarbeitung im Detail vorzustellen. Die zweite Projektphase wurde mit einer Abschlusskonferenz in Lissabon beendet. Die Besprechung der Projektergebnisse und Zukunftsideen in der Kombination mit dem Besuch öffentlicher Veranstaltungen anlässlich des 49. Jahrestages der Nelkenrevolution in Portugal (25. April 1974) zeigte sich als bereichernd für die Planung der weiteren Aktivitäten.
Auseinandersetzung mit diktatorialen Ordnungen nach 1945
Die Auseinandersetzung mit autoritären bzw. diktatorialen Ordnungen nach 1945 bzw. die Thematisierung des Alltags in einer Nachkriegsdiktatur ist gerade in Deutschland kein neues Thema. „Was wir allerdings beobachten”, so Katharina Hochmut, Leiterin des Arbeitsbereichs „Schulische Bildungsarbeit” in der Bundesstiftung Aufarbeitung, in ihrer Eröffnung der Diskussion „Was Jugendliche im Schulunterricht lernen sollten” am 25. Januar 2024 in Berlin, ist „eine Entkopplung von den Machtstrukturen des SED-Regimes mitunter vom Alltag in der DDR. Ein Nebeneinander von Alltag und Diktatur ohne die Bedingtheit des Einen vom Andren zu erkennen. So werden einige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in der DDR, die Gesundheit, aber auch die Emanzipation der Frauen, Kindererziehung, aber auch Schule oft als ja vielleicht nachahmungswürdige Systeme mit Modellcharakter herangezogen, ohne zu reflektieren, dass da auch ein Interesse des Staates dahinter steht, dass gerade auch die jungen Menschen schon ganz früh zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden sollten.” (Bundesstiftung Aufarbeitung 2024)

Die Modernisierungsprozesse im Rahmen der diktatorialen Ordnungen sind unmittelbar mit der Frage von Handlungsspielräumen von Individuen verbunden. Erst durch Berücksichtigung von Strategien, Praxen und Folgen von Anpassung, Widerstand und Devianz der Individuen und Gruppen eröffnet sich die Möglichkeit, die sogenannte „Leistungsfähigkeit“ der Diktaturen bzw. die Umstände, wie diese Leistungen zustande gekommen sind, zu begreifen. Doch davor muss man zunächst eine gemeinsame empirische Basis innerhalb der Gruppe erarbeiten, da die Vorkenntnisse der Teilnehmenden in aller Regel sehr weit auseinandergehen. Die begrenzte Dauer von Projektaktivitäten einerseits sowie der Wissensmangel und die Herausforderungen der Kommunikation in einer Fremdsprache andererseits, bedingten eine inhaltliche Fokussierung auf zwei zentrale Aspekte der Diktaturaufarbeitung: politische Gewalt und politische Legitimation der herrschenden Ordnung.
Ein wichtiger Grund für die Thematisierung der diktatorialen Ordnungen im Nachkriegseuropa ergibt sich aus der grenzübergreifenden Stärkung politischer Akteure in vielen Ländern Europas, die einen affirmativen Diskurs über Diktaturen mit der Kritik an der liberal-demokratischen Ordnung kombinieren.
Eine kritische Auseinandersetzung mit politischer Gewalt im Kontext der Diktaturen ist wichtig. Das Thema der politischen Legitimation besitzt zudem das Potenzial, nicht nur zur Entwicklung von Resilienz gegen die Rechtfertigung gegenwärtiger autokratischer Tendenzen in Europa beizutragen. Worauf basiert die Akzeptanz einer Diktatur in der Bevölkerung? Was waren Legitimationsstrategien jenseits von Gewalt und Zwang? Die visuelle Repräsentation der herrschenden Ordnung durch Propagandabilder, Briefmarken und ähnliche Quellen zeigte sich dabei als besonders geeigneter Zugang sowohl zur Auseinandersetzung mit den Diktaturen als auch im Sinne der Übertragbarkeit auf die Gegenwart. Gerade durch die Themen der visuellen und medialen Repräsentation zeigen sich der Gegenwartsbezug und bildungspolitische Relevanz der behandelten Themen, die weit über die Thematik der Diktaturaufarbeitung hinausreichen. Diese Fragen wurden in den Mittelpunkt der beiden Projektphasen gestellt und im Rahmen diverser Projektaktivitäten aufgegriffen.
Ein wichtiger Grund für die Thematisierung der diktatorialen Ordnungen im Nachkriegseuropa ergibt sich aus der grenzübergreifenden Stärkung politischer Akteure in vielen Ländern Europas, die einen affirmativen Diskurs über Diktaturen mit der Kritik an der liberal-demokratischen Ordnung kombinieren. „Die populistische Herausforderung in Europa stellt die Frage nach dem Zusammenhang von gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit Diktaturerfahrungen und autoritären Gesellschaftsvorstellungen neu“, so Jörg Ganzenmüller, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg und Inhaber des Lehrstuhls für europäischen Diktaturenvergleich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dabei erklärt sich der Aufstieg des Populismus laut Ganzenmüller „nicht nur aus der Persistenz und Neuformatierung antipluralistischer Einstellungen, er steht auch in einem Zusammenhang mit Diktaturerfahrungen und deren Aufarbeitung“ (Ganzenmüller 2019, S. 13).
Was die Kontroversität der behandelnden Themen angeht, sind die Diskussionen im Rahmen der Projektaktivitäten überwiegend konstruktiv und konfliktfrei verlaufen. Der emotionale Abstand von behandelten historischen Themen war spürbar, selbst bei Teilnehmenden, die über Nostalgie oder fortdauernde Empörung bei ihren Eltern oder Großeltern erzählt haben. Eine Teilnehmerin aus Slowenien zeigte sich überrascht über die neuerworbenen Erkenntnisse über politische Gewalt im sozialistischen Jugoslawien, die in starker Diskrepanz zu den nostalgischen Erzählungen ihrer Großmutter über die Tito-Ära ständen. Eine Teilnehmerin aus Baskenland in Spanien erzählte von dem fortdauernden Konflikt zwischen ihr und ihrer Mutter, weil sie Spanisch anstelle der baskischen Sprache in der Alltagskommunikation bevorzuge und somit – aus Sicht der Mutter – die baskische Identität und den Freiheitskampf der Basken nicht respektiere.
Ein Konsens über die Deutung der Diktaturen und deren Erbe besteht nicht, vielmehr ist es immer noch ein Gegenstand der geschichtspolitischen Auseinandersetzungen.
Die Kritik der diktatorialen Ordnung im eigenen Herkunftsland war am deutlichsten unter den Teilnehmer*innen aus Portugal, Spanien und Litauen ausgeprägt. Dies entsprang vermutlich nicht nur dem dominanten Diskurs in den Ländern, sondern war auch vom Profil der Partnerorganisationen in den Ländern beeinflusst. Sowohl UMAR – União de Mulheres Alternativa e Resposta in Portugal als auch Gernika Gogoratuz in Spanien sowie das Museum der Opfer des Genozids in Litauen sind relevante Akteure der Diktaturaufarbeitung in den erwähnten Ländern. Die Teilnehmenden aus Griechenland konnten am wenigsten über die Diktaturepoche im eigenen Land erzählen, was aber weder auf das Profil der Partnerorganisation aus Thessaloniki noch auf die Kurzlebigkeit der Militärdiktatur der Obristen (1967–1974) zurückzuführen ist. Die erinnerungskulturelle Repräsentation der Vergangenheit in Griechenland erfasst die Ereignisse bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Erzählung der Nationalgeschichte mittels der Museen und Denkmäler endet in der Regel mit der Befreiung Griechenlands 1944, als ob in den letzten 80 Jahren nichts Nennenswertes passiert wäre. Somit stellt Griechenland eine Ausnahme im Vergleich zu nahezu allen anderen postdiktatorialen Gesellschaften Europas dar, in denen die Diktaturerfahrung im 20. Jahrhundert mittlerweile ein Bestandteil der musealen und erinnerungskulturellen Repräsentation der Nationalgeschichte wird, wenngleich mit erheblichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern.

Ein Konsens über die Deutung der Diktaturen und deren Erbe besteht nicht, vielmehr ist es immer noch ein Gegenstand der geschichtspolitischen Auseinandersetzungen. Einzelne Teilnehmende des Sommercamps in Kroatien stellten infrage, ob das sozialistische Jugoslawien aus einer diktaturkritischen Perspektive überhaupt betrachtet werden sollte. Die Thematisierung der politischen Gewalt im sozialistischen Jugoslawien sei eine Strategie der rechtsgesinnten Geschichtsrevisionisten, sagte eine Teilnehmerin aus Slowenien und eröffnete damit eine spannende Debatte über gegenwärtige geschichtspolitische Dimension der Diktaturaufarbeitung.
Zwischen Konsens und Kontroverse – Herausforderungen im Bildungsalltag
Trotz aller Meinungsunterschiede verliefen die Diskussionen unter den Teilnehmenden des internationalen Sommercamps in Kroatien weitestgehend friedlich und konstruktiv. Doch ein Workshop zum Thema „Rassismus in Europa einst und heute”, der von einer Teilnehmerin aus Portugal in letzten Tagen des Sommercamps entwickelt und moderiert wurde, eskalierte plötzlich in einem Streit mit gegenseitigen Ausschlussforderungen. Die für die Diskussion vorgelegte These, dass Migrant*innen selbst für die Armut, in der sie leben, verantwortlich wären, wurde von einem jungen Wirtschaftsstudenten aus Griechenland als teilweise zutreffend bezeichnet. Dazu sagte er, dass sich viele Roma in Griechenland weigern würden, ihre Kinder zu schulen sowie dass ihre soziale Integration durch den Elterndruck verhindert würde, weil Eltern von ihren Kindern forderten, einen Lebenspartner innerhalb der gleichen Gruppe zu finden. Als einige Teilnehmer*innen der Abschlussdebatte anmerkten, dass die Aussage rassistisch und inakzeptabel sei, antwortete er, dass er kein Rassist sei, dass er einen Roma-Freund habe, der ihm davon erzählt habe. Doch einige fanden die Erklärung inakzeptabel und der Diskussionston spitzte sich einmal mehr zu, als eine 18-jährige Teilnehmerin aus Deutschland den Verfasser der umstrittenen Aussage als Rassisten und Dummkopf bezeichnete, der sich über Roma gar nicht äußern sollte.
An der Stelle sollte gesagt werden, dass die Teilnehmenden ihre Gedanken in einer Fremdsprache äußerten, was sicherlich zu manchen zugespitzten Aussagen und somit zur Eskalation des Streits beitrug. Dennoch war es erstaunlich, wie schnell sich eine bis dato konfliktfreie Diskussion in eine gegenseitige Ausschlussforderung wandelte. Auf einer Seite bildete sich ein Block, der den Ausschluss des Teilnehmers aus Griechenland im Name der Nulltoleranz gegenüber Rassismus forderte. Auf der anderen Seite bildete sich ein Gegenblock, der den Ausschluss der Teilnehmerin aus Deutschland forderte, mit dem Argument, dass es mit ihr bereits in den früheren Tagen mehrere Konfliktsituationen außerhalb des Seminarraums gab, wo sie ihre Aggressivität und mangelnden Respekt gegenüber anderen Teilnehmenden demonstriert habe. Dieser Block drängte darauf, dass das Sommercamp ein sicherer Ort für freie Meinungsäußerung und respektvollen Umgang miteinander sein sollte. Zugleich warfen sie der umstrittenen Teilnehmerin aus Deutschland vor, dass sie sich selbst als Opfer inszeniere, und gleichzeitig Andersdenkende beschimpfe und willkürlich als Rassisten bezeichne. Während der Pause ist es den Verantwortlichen gelungen, den Streit zunächst zu beruhigen und am Tag darauf im Rahmen eines ganztägigen Workshops zum Thema „Werte“ aufzuarbeiten. Somit konnte das Sommercamp mit einigen Modifikationen im Programm fortgesetzt und erfolgreich zu Ende gebracht werden.
Der Streit hat die Stimmung zwar spürbar verschlechtert, doch er bestätigte einmal mehr, dass die Grenze zwischen Konsens und Kontroverse nicht nur relativ ist, sondern dass der bloße Verlauf dieser Grenze der Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen und sozialer Konflikte ist. Das Beharren der gegenüberstehenden Seiten auf unterschiedlichen Grundprinzipien sowie die Forderung des Ausschlusses von denjenigen, die das Grundprinzip angeblich brechen, spiegelt die Veränderungen im breiten sozialen Umfeld wider. Das Kontroversitätsprinzip gilt zwar als eines der zentralen Postulate der politischen Bildung, zugleich stellt sich jedoch in der Praxis häufig die Frage, wie man Prinzipien in Einklang mit der normativen Dimension historisch-politischer Bildung bringen kann. „Das Kontroversitätsgebot wie auch der Beutelsbacher Konsens sind Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft. Doch was heißt das für die Praxis der politischen Bildung, wenn sich die Gesellschaft und somit das Umfeld der Lernenden und Lehrenden immer stärker ausdifferenziert? Wenn sich die sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Milieus immer weiter voneinander entfernen, vielleicht sogar auseinanderdriften?”, schreiben Lothar Frick und Sibylle Thelen im Vorwort des 2022 erschienen Sammelbandes „Kontroversität in der politischen Bildung“ (Frick/Thelen 2022, S. 5). Eine allumfassende Lösung für die erwähnten Herausforderungen kann man freilich nicht anbieten. Dennoch werden wir uns gut überlegen, wie man die antizipierten gegenwärtigen Herausforderungen in der nächsten Projektphase angehen sollte und womöglich mit passenden Beispielen aus früheren Epochen verknüpfen könnte.
Zu den Autoren

boris.stamenic@gmail.com

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