Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches
Beltz-Juventa, 340 Seiten
2021 startete Beltz-Juventa die neue Reihe „Bildung nach Auschwitz“ mit Christian Niemeyers „Schwarzbuch Neue/Alte Rechte“, in dem sich der Autor, wie es in einer Polis-Rezension (Nr. 4/2021) hieß, „als profunder Kenner alt- und neurechter Ideologien (erwies), auch wenn seine Fülle an Material und Gedankenblitzen oft die Grenze der Lesbarkeit streift“. Die Lektüre der ersten wie der jetzt vorgelegten zweiten Publikation wird auch dadurch erschwert, dass Niemeyer im Anschluss an Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“ das Lachen als Hilfsmittel, wenn nicht sogar als Leitlinie seiner Analyse bemüht. Denn es wirke, so die gewagte These der Ankündigung, „geradezu Wunder bei der Vermittlung knallharter Fakten“.
Das Schwarzbuch liefert eine instruktive, umfangreiche Faktensammlung, die jetzt mit dem Nachfolgeband komplettiert wird. Der besteht aus einer Mixtur erläuternder Nachträge sowie neuformulierter früherer Netzveröffentlichungen, wobei auch in satirischer Weise Gegner oder Abseitiges (z. B. die Entlarvung des Rassisten Karl May) aufs Korn genommen werden. Wirklich umfassend ist die Sammlung allerdings nicht. So weist sie Leerstellen hinsichtlich italienischer oder ukrainischer Neofaschisten im Regierungsamt bzw. Sicherheitsapparat auf. Die europäischen Verbindungslinien – etwa zu PiS oder Fidesz – kommen, bis auf einen Halbsatz (S. 306), nicht vor. Und auch der zentrale Punkt des rechten Feindbilds, der „Kulturmarxismus“, wird nur gestreift (S. 308). Dagegen gibt es Mutmaßungen zu Trumps Wahlchancen, obwohl im Fall USA gerade zu berücksichtigen wäre, dass die dortige Rechte sich durch ihren Konkurrenzradikalismus vom europäischen Populismus unterscheidet.
Der Kontext der (politischen) Bildung wird auch im neuen Band kaum thematisiert. Stattdessen versichert die Ankündigung, in diesem Buch „eines führenden Nietzscheforschers“ seien „die geistigen Stichwortgeber der AfD … erstmals Thema“. Dabei liegen zur Aufarbeitung der einschlägigen Traditionslinien bereits zahlreiche Publikationen vor, etwa die Studien zur Neuen Rechten von Helmut Kellershohn. Und zum AfD-Think Tank Desiderius-Erasmus und dessen versuchter „Renovierung“ der Bildungsarbeit hat die Außerschulische Bildung bereits vor Jahren einschlägige Analysen veröffentlicht (vgl. Ausgabe 2/2017 oder 3/2019), während Niemeyer das ausblendet.
Eindeutig und faktenreich belegt ist der zentrale Befund: Der rechte Rand ist mit der Mitte verwoben; der Extremismusbegriff, den der Autor fast durchgängig vermeidet, trägt zur Erklärung nichts bei. Niemeyer resümiert: Die „Neue Rechte“ – also die mit einem theoretischen Überbau auftretende und verschiedene Bewegungen inspirierende Szene – „ist, was Deutschland und Österreich angeht, völkische Bewegung wie die ‚Alte Rechte‘, belehrt, nach 1945, zumeist jedenfalls, um die Einsicht, dass der II. Weltkrieg nicht hätte sein dürfen und die Shoah und die Euthanasie genauso wenig“ (S. 16). Geschichtspolitik, speziell die Bezugnahme auf die Nazi-Gräuel, ist demnach ein Hauptthema der Neuen Rechten und damit der AfD.
Dabei geht es diesen nicht um Holocaust-Leugnung, sondern um Relativierung: Ja, die Nation hat sich einiges zu Schulden kommen lassen, aber andere auch. Daher gebe es keinen Grund für Deutsche, in Sack und Asche zu gehen; im Gegenteil, sie müssten sich von einem „Schuldkult“ (Höcke) befreien und zu einem selbstbewussten, gegenüber ausländischen Ansprüchen auftrumpfenden Nationalismus finden. Bagatellisierung der Kolonial- oder NS-Vergangenheit ist damit angesagt – nach dem Leitmotiv: „Es war alles nur halb so schlimm wie gedacht im Dritten Reich.“ (S. 196) Dagegen muss das Unrecht, das Deutschland angetan wurde (Vertreibung, Gebietsverlust, alliierte Kriegsverbrechen), groß herausgestellt werden.
Dieses Unrecht habe sich auch nach 1945 fortgesetzt. Zitiert wird der sudetendeutsche Nazi und Vertriebenen-Funktionär Ernst Frank, der 1960 schrieb: „Das Umerziehungswerk, dem das deutsche Volk seit 1945 unterworfen“ wurde, habe „zu bedenklichen Ergebnissen geführt“ (S. 180). Die Reeducation, der Ursprung der politischen Bildung in Westdeutschland, erscheint so als eine einzige Erniedrigung der Deutschen. Dies war aber keine Außenseitermeinung, wie Niemeyer fortfährt, derartiges „bekam man in jenen Jahren tausendfach zu lesen von Heimatvertriebenen und deren Funktionären“. So ist festzuhalten, was Niemeyer mit umfangreichstem Material (Schwerpunkte: akademischer Betrieb, Geschichtswissenschaft, Jugendbewegung) belegt: Es ist der Geist der Adenauerära, der im Grunde seit 2013 in der AfD seine Wiederauferstehung feiert – aber nicht nur am rechten Rand!
Niemeyer belegt das paradigmatisch an der Rolle des CDU-Ministers und Vertriebenenfunktionärs Seebohm, der die „Parallele zwischen dem Genozid an den Juden und der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten“ (S. 183) zog und der noch 2022 von christdemokratischer Seite, abgesegnet durch die Konrad-Adenauer-Stiftung, als großer deutscher Politiker gewürdigt wird. Seebohms Position findet sich etwa in der Forderung aus Vertriebenen-Kreisen wieder, „dass das Holocaustdenkmal in Berlin durchaus neben sich eines für Vertriebene vertrüge“ (S. 219). Das alles folgt dem Zeitgeist der Nachkriegs-BRD – als etwa Adenauer festhielt, dass das deutsche Volk 1933 bis 1945 nichts mit der Judenvernichtung zu tun hatte (S. 220), oder Strauß im TV-Interview erklärte, die Schuld für den Zweiten Weltkrieg habe bei den USA und nicht bei Hitler gelegen (S. 227). So gesehen ist die Neue Rechte, wenn sie einen „Feldzug gegen Umerziehung, Gehirnwäsche und Bewältigungsrummel“ (S. 241) fordert, überhaupt nicht originell.
Man muss bei der Lektüre von Niemeyers Texten allerdings einen verdrechselten Stil und seltsame apodiktische Urteile in Kauf nehmen. So wird z. B. die Professorin Ulrike Guérot, die gegen die Bonner Universität wegen ihrer Entlassung prozessiert, der „Lügen“ (S. 133) bezichtigt. Dabei steht bislang nur fest, dass sich Guérot gewisse Nachlässigkeiten im Formalen (Zitatnachweise, Quellenüberprüfung) geleistet hat – also Lappalien, die im akademischen Betrieb gang und gäbe sind. Grotesk ist, dass Niemeyer sich hier als Ankläger aufspielt, wo sich gerade bei der nachlässigen Machart seiner Texte, die von Druckfehlern oder syntaktischen Fehlgriffen nur so wimmeln, die Frage aufdrängt, wie ein Hochschullehrer derartiges in den Druck geben kann.